Starkes Handwerk

Schreiner in einer Werkstatt
Bild: Pressmaster

Es muss endlich ernst gemacht werden mit einer Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung.

Ein Gespräch mit – Bernhard Mundschenk
aufgezeichnet von Isabel Kunkel

Das Handwerk ist derzeit in aller Munde. Handwerker sind gefragt wie nie, die Auftragsbücher sind voll, aber der Nachwuchs fehlt. Wie sieht die Situation in Hessen aus?

Die berufliche Bildung hat in Hessen und auch im Bund nicht den Stellenwert, der ihr gebührt. Wir haben nach wie vor einen Lehrlings-, aber keinen Lehrstellenmangel. Hier muss es zu einer Trendwende kommen. Es muss endlich ernst gemacht werden mit einer Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung. Wir verzeichnen in Hessen ein kleines Minus, was die Ausbildungszahlen in diesem Jahr betrifft. In technikorientierten Handwerken, die auch für die Umsetzung der von der Landesregierung angestrebten Mobilitäts- und Energiewende notwendig sind, haben wir zwar stabile oder sogar leicht steigende Zahlen, aber das reicht nicht. Hier hat uns auch Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht. Vor der Pandemie wurden 12 Prozent aller neuen Lehrverträge im hessischen Handwerk mit jungen Menschen aus Hauptfluchtländern abgeschlossen. Diese Zahl hat sich heute halbiert. Dieses Minus schmerzt. Denn: Was heute an Lehrlingen fehlt, fehlt in drei Jahren als Gesellen und in fünf Jahren als Meister. Das ist das Fatale. Wir versuchen gerade einen großen Tanker zu wenden. Es ist klar, dass das kein einfaches Manöver wird und viel Zeit und große Anstrengungen braucht.

Wie kann dieses Wendemanöver gelingen?

Derzeit haben wir vor allem Mängel im Bereich der Berufsorientierung. Deshalb hat z. B. aktuell die Handwerkskammer in Wiesbaden selbst die Initiative ergriffen, mit einem Maker-Space – einer Ausstellung, bei der wir zeigen, was das Handwerk zu bieten

hat. Der Erfolg spricht für sich, der Bedarf an mehr Berufsorientierung ist eindeutig da: 61 Schulklassen haben sich bei uns informiert. Weitere Klassen mussten wir abweisen, weil uns die Kapazitäten gefehlt haben. Wir haben außerdem eine Nachwuchswerberin, die für Berufsorientierung zuständig ist. Aber: Das Handwerk lebt vom Machen. Deshalb setzen wir auf Praktika und Berufsorientierung. In unseren Berufs-zentren können junge Menschen 14 Tage lang verschiedene Berufe kennenlernen. Dort brechen wir auch Rollenklischees auf und machen auf unsere Ausbildungsberufe neugierig – hoffentlich.

Welche Unterstützung brauchen Sie dabei von der politischen Ebene?

Eine erhebliche Zahl von jungen Menschen macht Abitur und das ist auch gut so. Aber den Automatismus dahinter, dass man nach dem Abitur studieren muss, den müssen wir durchbrechen. Das ist für uns nicht einfach. Wir brauchen eine stärkere und gerade auch an Gymnasien verankerte Berufsorientierung. Uns wird immer wieder gerade von den Gymnasien entgegengehalten, dass es feste Curricula gibt, die abgearbeitet werden müssen und den Auftrag, die Schülerinnen und Schüler zur Allgemeinen Hochschulreife zu führen. Auf der anderen Seite gibt es aber eine hohe Zahl von Studienzweiflern. Der Bedarf an mehr Berufsorientierung ist also auf jeden Fall da und diese muss in den Schulen verankert und umgesetzt werden. Wir halten es für notwendig, dass sich an jeder Schule eine Person, die kein Lehrer sein muss, ausschließlich um Berufsorientierung kümmert. Auch die Bereiche Werken und Technik müssen im Lehrplan verankert werden. Da muss die Politik handeln und uns den Rücken stärken.

Wie steht es aus Ihrer Sicht um Berufsschulen in Hessen?

Die Berufsschullandschaft stellt sich derzeit neu auf. Wir legen großen Wert darauf, dass das, was im Koalitionsvertrag festgehalten wurde, nämlich dass die Berufsschulen erhalten werden, auch umgesetzt wird. Aber wir müssen uns auch im Bereich der Klassen bewegen. Es kann nicht sein, dass eine Klasse mit drei Leuten aufrechterhalten wird. Natürlich gibt es viele Betroffene in diesem Prozess und gerade im ländlichen Raum führt das zu Problemen. Deshalb fordern wir, dass dort, wo es zu Konzentrationen an einem Berufsschulstandort kommt, Wohnheime für Auszubildende geschaffen werden. Das ist wichtig, denn gerade die Fahrtkosten und -wege sind für die jungen Menschen in der Ausbildung nicht zumutbar. Es muss Konzentrationen, aber auch Lösungen für daraus entstehende Probleme geben.

Zum Abschluss: Ihr Plädoyer für das Handwerk.

Viele wissen gar nicht, was Handwerk ist und welche hervorragenden Zukunftschancen es bietet. Dabei haben wir 130 Ausbildungsberufe. Für alles, was in den Bereichen Mobilität, Transformation und Energiewende von der Regierung vorgegeben wird, braucht es das Handwerk und dafür brauchen wir Menschen – hochqualifizierte Menschen. Und: Der Handwerksberuf ist keine Sackgasse. Mit der Meisterprüfung erlangt man automatisch einen Hochschulzugang und auch mit der Gesellenprüfung mit der Note 2,5 und besser gibt es einen Hochschulzugang. Selbst wenn also der Drang zum anschließenden Studium da ist, lohnt sich die Ausbildung im Handwerk. Denn das Handwerk ist eine starke Wirtschafts- und Gesellschaftsgruppe.

Bernhard Mundschenk ist Geschäftsführer des Hessischen Handwerkstags