Spaghetti oder Kinokarte

Study-Life-Balance und die Herausforderungen durch immer weiter steigende Lebenskosten.

Interview – Studierende
aufgezeichnet von Christina Schäfer

Nora K. und Jonas F.

Jonas „In Sachen Study- Life-Balance bin ich zufrieden. Neben der Uni arbeite ich als Werkstudent bei einer Bank. Am Wochenende hole ich nach, was ich für die Uni nicht geschafft habe, oder habe frei. Ich finde schon auch Zeit für mich, meine Hobbys, Freunde und Familie.“

Nora „Bei mir sieht das etwas anders aus. Vor allem das letzte Semester war anstrengend. In manchen Wochen habe ich für meine Veranstaltungen an der Uni, die Vor- und Nachbereitung dafür, meine Arbeitszeiten im Nebenjob und die Zeit zum Pendeln 70 Stunden aufwenden müssen. Freie Zeit für Freunde oder zur Entspannung hatte ich fast keine.“

Jonas „Deshalb haben wir uns auch dazu entschlossen, nach Frankfurt zu ziehen, damit wir nicht mehr pendeln müssen. Dafür zahlen wir eine hohe Miete. Die Hälfte des Geldes, das wir monatlich zur Verfügung haben, müssen wir in Miete und Nebenkosten stecken. Ein Urlaub war da dieses Jahr nicht mehr drin. Und ich habe noch Glück, werde finanziell von meinen Eltern unterstützt und verdiene gut in meinem Job. Mein Arbeitgeber zahlt einen Inflationsausgleich. Bei einigen Kommilitonen ist das anders. Die müssen sich am Ende des Monats schon mal zwischen Kinokarte oder Spaghetti mit Pesto aus dem Supermarkt entscheiden. Der BAföG-Satz ist extrem knapp berechnet. Und dann drohen ja wegen der gestiegenen Energiepreise hohe Nebenkostenabrechnungen.“

Nora „Deshalb haben wir das Geld der Nebenkostenpauschalen, die wir vom Bund bekommen haben, direkt zur Seite gelegt. Ich arbeite neben dem Studium im Einzelhandel. Ohne unsere Nebenjobs wäre es finanziell knapp. Deshalb wünsche ich mir manchmal mehr Verständnis der Dozenten.“

Jonas „Ja, das stimmt. Bei Dozenten sind Studentenjobs eher unbeliebt. Dabei trägt Arbeit neben dem Studium auch zur Vorbereitung auf das Berufsleben bei und bringt eben das nötige Geld.“

Nora „Mehr Planbarkeit würde helfen. Dafür bräuchten wir die Seminarpläne der Uni rechtzeitig. Doch die kommen oft superkurzfristig. Einmal habe ich meinen Stundenplan erst in der Nacht zum Semesterbeginn bekommen. Wie soll man da seinen Nebenjob organisieren?“

Jonas „Auch der Umfang von nötiger Vor- und Nachbereitung variiert so stark, dass es schwer zu planen ist, wie viel Zeit man für die Uni aufwenden muss und wann man wie viel arbeiten kann.“

Nora „Ich frage mich schon auch manchmal, wie die Studiengänge geplant werden – wie der Inhalt ins Verhältnis zur Regelstudienzeit festgelegt wird. Werden dabei Wochenstunden, die Studenten für das Pendeln und Nebenjobs aufwenden müssen, berücksichtigt?“

 

Nora K. (25) und Jonas F. (26) studieren in Masterstudiengängen an der Goethe-Universität in Frankfurt, sie Umweltwissenschaften, er Wirtschaftssoziologie. Mit uns sprechen sie über ihre Study-Life-Balance und die Herausforderungen, die ihnen im Alltag durch die immer weiter steigenden Lebenskosten begegnen.

 

Hochschulpräsidentin Prof. Dr. Eva Waller antwortet:

Interview – Prof. Dr. Eva Waller
aufgezeichnet von Christina Schäfer

Prof. Dr. Eva Waller, Präsidentin der Hochschule Rhein Main in einem Hörsaal
Bild: Hochschule Rhein Main

Wie stehen Sie als Präsidentin einer Hochschule zu Nebenjobs von Studenten?

Wir wissen, dass viele unserer Studierenden finanziell auf Nebenjobs angewiesen sind, daher unterstützen wir diese prinzipiell. Wenn aber zu viel nebenher gearbeitet werden muss, kann das ein Studium belasten und sogar zum Studienabbruch führen. Deshalb engagieren wir uns auch sehr stark für das Deutschlandstipendium und freuen uns über die BaFöG-Reform – Initiativen, die unsere Studierenden finanziell unterstützen.

Sehen Sie heutige Studenten aufgrund des Arbeitsumfangs des Studiums, der Pflichtstunden und der Bewältigung der hohen Lebenserhaltungskosten unter besonderem Druck?

Die Lebenshaltungskosten, insbesondere die Mieten, sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Hinzu kommen gestiegene Energiekosten. Dadurch ist bei vielen Studierenden die Notwendigkeit, neben dem Studium zu arbeiten, größer geworden. Die Belastung wird so insgesamt sicher stärker wahrgenommen.

Warum erfolgt die Mitteilung der Stundenpläne kurzfristig und sehen auch Sie dort Verbesserungsbedarf für mehr Planbarkeit?

Wir an der Hochschule Rhein Main bedauern es sehr, wenn Veranstaltungstermine ausnahmsweise sehr kurzfristig geändert werden müssen. Manchmal liegt es daran, dass Lehrende kurzfristig ausfallen. Planbarkeit ist für unsere Studierenden wichtig und damit auch für uns. Deshalb beginnen unsere Fachbereiche sehr frühzeitig mit der Planung.

Werden Wochenstunden, die Studenten für Nebenjobs aufwenden müssen, in der Festlegung der Regelstudienzeit berücksichtigt?

Die Regelstudienzeit ist in Teilen rechtlich geregelt. Wir berücksichtigen die Stunden, die die Studierenden für ihr Studium aufwenden müssen. Die Maßeinheit sind Credit-Points. Ein Credit- Point steht für 30 Stunden Arbeit. Dabei wird sowohl die Zeit an der Hochschule als auch die Selbstlernzeit und die Prüfungsvorbereitung für einen normalen Studierenden eingerechnet. Wenn wir ein Vollzeitstudium planen, gehen wir davon aus, dass Studierende ihre volle Arbeitszeit dem Studium widmen. Wenn Studierende das nicht können, weil sie z. B. mehr als 20 Stunden arbeiten, haben sie die Möglichkeit, in Teilzeit zu studieren.

Prof. Dr. Eva Waller ist Präsidentin der Hochschule Rhein Main.

 

Laut dem Statistischen Bundesamt waren mehr als ein Drittel der Studierenden in Deutschland armutsgefährdet. Besonders die Wohnkosten belasten Studenten. 2021 musste knapp ein Viertel der Studierenden in Deutschland mehr als 40 Prozent des verfügbaren Einkommens für Wohnen aufbringen.