„So, und jetzt will ich ins Internet.“

Senioren mit Tablet in der Hand
Bild: RossHelen / Envato Elements

Ein Verein aus Kassel macht Seniorinnen und Senioren fit am Smartphone, Tablet und Computer.

SPD-Landtagsfraktion – Luisa Neurath

Frau Schönewald hat ihr Tablet mitgebracht. Sie hat es zum 70. Geburtstag vor einigen Monaten von ihrer Tochter geschenkt bekommen, aber so ganz klappt das mit der Bedienung noch nicht. „Meine Tochter wohnt mit ihrer Familie in Hamburg und möchte mir gerne Fotos von meinem Enkel per E-Mail zuschicken, weil wir uns ja so selten sehen“, erklärt sie ihrem Trainer, Herrn Schmidt.

Deshalb hat sie einen Kurs bei der Frauencomputerschule Kassel gebucht. Seit 1991 gibt der Verein Schulungen zum Umgang mit digitaler Technik und richtet sich dabei hauptsächlich an Frauen und Mädchen jeden Alters. Egal ob sie bereits über Vorkenntnisse verfügen oder nicht: In einer ungezwungenen Lernatmosphäre können die Teilnehmenden in Einzel- oder Gruppenschulungen hier alle Fragen stellen, die sie auf dem Herzen haben.

Herr Schmidt erklärt nun in aller Ruhe, wo Frau Schönewald die E-Mails ihrer Tochter findet, wo die Fotos gespeichert werden und wie sie diese zum Beispiel auch an ihre Nachbarin weiterleiten kann. Das muss natürlich prompt ausprobiert werden. „Das klappt doch schon sehr gut“, freut sich Herr Schmidt über die erfolgreich gesendeten Mails seiner Schülerin. Und schon wendet sich die Seniorin motiviert der nächsten Aufgabe zu, die ihr für das Tablet vorschwebt: „So, und jetzt will ich ins Internet.“

Ins Internet? Gesagt, getan: Herr Schmidt öffnet die Browser- App mit einem einfachen Tippen auf den Bildschirm. „Jetzt sind Sie im Internet. Aber was wollen Sie denn überhaupt im Internet machen?“ Überrascht blickt Frau Schönewald von ihrem Tablet auf – darauf war sie wohl gar nicht vorbereitet. „Was kann man denn da alles machen?“, fragt sie erstaunt. Herr Schmidt erklärt ihr, dass sie im Internet alle möglichen Informationen erhalten kann. Ein Beispiel ist schnell gefunden: Gemeinsam recherchieren sie die Öffnungszeiten des Frankfurter Zoos und suchen nach einer Bahnverbindung dorthin.

„Unsere Kurse sind ganz bewusst keine Schritt-für-Schritt- Anleitung. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen lernen, die Zusammenhänge zu verstehen, und nicht nur wissen, wo sie draufklicken müssen“, erklärt Vera Lieder, eine der beiden Vorsitzenden des Vereins. Es gehe darum, die Hintergründe der Anwendungen zu vermitteln und somit auf bereits bestehendes Wissen aufzubauen. Teil der Schulungen sind daher auch Beratungen rund um die Themen Datenschutz und eine Sensibilisierung für Spam- oder Phishingversuche.

Digitale Teilhabe stärken

In gewisser Weise vermitteln die Kurse auch Selbstbewusstsein für den Umgang mit Technik, erklärt Frau Lieder. „Gerade ältere Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben häufig Angst, etwas falsch zu machen. Vor versteckten Kostenfallen durch den Kauf einer App oder dass persönliche Daten und Passwörter durch eine kompromittierte Website mitgeschrieben werden.“ Es sei daher häufig schon sehr hilfreich, dass die Trainerinnen und Trainer bei der Installation neuer Apps unterstützen und hilfreiche Tipps zum sicheren Umgang mit dem Internet geben – etwa bei dem Erstellen sicherer Passwörter und der Einrichtung einer Zwei-Faktor-Authentifizierung.

„Die digitale Transformation verändert unser Privat- und Arbeitsleben. Wer dazu keinen Zugang hat, wird zunehmend auch von wichtigen Informationen abgeschnitten, etwa bei der Wohnungssuche, bei Fragen zu Sozialleistungen und dem Aufenthaltsrecht oder bei der Gesundheitsversorgung“, erklärt Frau Lieder. Das Team der Frauencomputerschule Kassel beobachtet, dass digitale Kompetenzen immer stärker zur Voraussetzung für die soziale Teilhabe werden. „Heute ist es wichtiger denn je, sich sicher auf Online-Portalen bewegen zu können, denn die Digitalisierung in Behörden und Schulen wird noch weiter zunehmen.“ Viele Kurse der Frauencomputerschule Kassel seien daher an Seniorinnen und Senioren, an Alleinerziehende sowie Personen mit Migrationserfahrung gerichtet. Sie sollen nicht nur beim Wiedereinstieg in den Beruf helfen, sondern auch eine souveräne digitale Teilhabe im Alltag ermöglichen.

Nach rund anderthalb Stunden intensiver Recherche und einigen erfolgreich versendeten E-Mails packt Frau Schönewald ihr Tablet zufrieden in ihre Tasche und bedankt sich bei ihrem Trainer: „Vielen Dank, hoffentlich klappt das daheim auch so gut.“ Sie freut sich schon auf neue Fotos ihres Enkels – und darüber, dass sie sich nun mit einem guten Gefühl im Internet bewegen kann.

 

Stand der digitalen Teilhabe in Deutschland

Tempolimit
Einem Viertel der über 65-Jährigen geht die Digitalisierung zu schnell.
23% der 65-74-Jährigen, 36% der über 75-Jährigen

Wenig Know-How
Jeder Zweite würde gern mehr am digitalen Leben teilhaben, kennt sich aber zu wenig mit digitalen Technologien aus.
48%

Wunsch nach Teilhabe
Jeder Vierte wünscht sich bessere Kenntnisse zum Einrichten und Bedienen des eigenen Smartphones oder Tablets.
26%

Quelle: Bitkom e.V. (2022), Digitaltag 2022: Digitalisierung erleben