Schwälmer Schneiderin macht Trachten tragbar

Bild: Gabriele Stürmer

Knöppding, Klengelwest und stracke Jacke: Bei Kornelia Ullrich erfährt traditionelle Kleidung eine moderne Neuauflage

Von Gabriele Sümer

Trachten – das klingt nach steifen Stoffen, angestaubter Mode und unbequemem Sitz. Wer so denkt, kennt Kornelia Ullrich nicht. Die Schneidermeisterin aus Schwalmstadt-Ziegenhain trägt ihren hellen Reitermantel lässig offen, dazu schwarze Jeans und goldene Sneaker. Gemäß der Schwälmer Tracht schmückte der Reitermantel einst den „Vorreiter“, wenn er eine auswärtige Braut ins Dorf führte. Ullrich hat daraus ein modernes Alltagsoberteil für Frauen gemacht. „Die historische Tracht der Schwalm ist wunderschön. Aber tragbar ist sie nicht“, sagt sie. Damit unterscheide sie sich etwa vom bayerischen Dirndl. Ullrich mochte sich nicht damit abfinden, dass die traditionelle Kleidung ihrer Heimat nur noch zu besonderen Anlässen, etwa beim Trachtenumzug der Ziegenhainer Salatkirmes, zur Geltung kommt – oder gar ganz verschwindet. Darum interpretiert sie seit einigen Jahren Trachtenelemente neu, mit frischen Ideen und viel Handwerkskunst. Möglichst nah am Original, aber mit zeitgemäßen Schnitten und Stoffen, so lautet ihre Devise. Zum Beispiel hat sie der „stracken Jacke“, die so heißt, weil sie ursprünglich eine komplett gerade Form hatte, figurbetonende Abnäher und bequemere Ärmel verpasst. Für die glänzende Oberfläche sorgt heute Viskose statt empfindlicher Seide.

Mit der „Schwälmer Manufaktur“, eingerichtet in ihrem Elternhaus, hat sich Kornelia Ullrich einen lang gehegten Wunsch er[1]füllt. Die Idee kam ihr schon während ihrer Lehre in einer Münchner Maßschneiderei in den 1980er-Jahren. Zu den Kundinnen zählten damals gut betuchte Frauen und die brachten auch schon einmal ihre Dirndl zum Ändern vorbei. „Ich dachte: Wir haben in der Schwalm doch auch eine schöne Tracht“, erinnert sie sich. Wieder in Nordhessen und herrückte, besann sie sich wieder auf ihre alte Idee und meldete 2020 ein Gewerbe an. Seither schneidert sie Kleidungsstücke, die der Schwälmer Tracht zwischen frühem 19. Jahrhundert und Mitte des 20. Jahrhunderts nachempfunden sind. Ullrich produziert nur in limitierter Serie. „Es soll ja besonders bleiben“, erklärt sie. Als Muster dienen ihr neben alten Abbildungen auch Originalstücke. „Ich entscheide, was ich übernehmen und was ich für heutige Ansprüche abwandeln will, und dann werden am Computer Schnittmuster erstellt“, erläutert sie. Die Modelle müssten größer ausfallen als zu historischer Zeit. „Die Leute in der Schwalm hatten ja früher nicht viel zu essen“, weiß sie. Den Stoff lässt sie in einer historischen Weberei im nahen Trutzhain originalgetreu anfertigen, die mit Silberfäden verzierten Knöpfe von einer Fachfrau besticken.

Hessen ist laut der Hessischen Vereinigung für Tanz- und Trachtenpflege das „Bundesland mit der größten Trachtenvielfalt“. Die Schwälmer Tracht sticht unter anderem dadurch hervor, dass viele Kleidungsstücke übereinander getragen wurden: Bis zu zwölf Röcke und diverse Westen konnten es sein. Das Anziehen erforderte also fremde Hilfe. Auch aufwendigste Stickereien und jede Menge „Prunk, Gold und Glitzer“, so Ullrich, waren typisch – bis hin zu einer üppigen Bernsteinkette. Bernstein in Nordhessen? Das Material hätten Händler über die Seidenstraße hergebracht, erklärt die Schneiderin. Besonders auffällig war die hoch aufragende Frauenkappe. Auf diese soll nach Meinung mancher Rotkäppchens Kopfbedeckung zurückgehen. Deshalb nennt sich die Region auch Rotkäppchenland und nutzt die Märchenfigur als touristische Sympathieträgerin, die in Ziegenhain sogar das Ampelmännchen ersetzt: Eine Rotkäppchensilhouette regelt hier den Fußverkehr.

Die Schwalm und ihre Tracht, sie gehören zusammen. Das findet auch Kornelia Ullrich, obwohl die Kappenfertigung gar nicht in ihr Gewerbe fällt, sondern in das der Buntstickerei. Während ihre eigenen Eltern keine Tracht trugen, weiß sie von Menschen, die bis heute regelmäßig Tracht anlegen. Oft holt sie sich Rat bei älteren Frauen, „die sich noch auskennen“. Doch wer ihr zuhört, merkt: Sie ist längst selbst zu einer Expertin Schwälmer Brauchtums geworden. Mit ihrem jüngsten „Remake“, der sogenannten Klengelwest, richtet sich die Schneidermeisterin erstmals an männliche Käufer. Die Weste hat 32 markante Knöpfe und ebenso viele Knopflöcher. Alle Löcher näht sie von Hand und braucht dafür eine halbe Stunde – pro Loch. Als Futter verwendet sie Stoff von 1870, den sie im Ballen gekauft und aufbereitet hat. Wie die Damenoberteile lässt sich die farbenfroh gemusterte Herrenweste gut mit aktueller Mode kombinieren, etwa mit Jeans und weißem Hemd. „Man sollte mit den Trachtenelementen ruhig locker umgehen und damit spielen“, findet Ullrich.

Die Nachfrage gibt ihr recht, denn sie besetzt mit ihrer Kollektion eine Nische. „Aber insgesamt gesehen stirbt das Schneiderhandwerk leider aus“, ist sie überzeugt. In Zeiten industrieller Massenfertigung sei es schließlich den meisten egal, ob ein Knopfloch von Hand oder mit der Maschine genäht wurde. Ihre Manufaktur könne sie nur betreiben, weil sie nicht davon leben müsse. Um hohe Einnahmen geht es Ullrich ohnehin nicht. „Ich wollte etwas Schönes für mich machen“, betont sie. Gleich[1]zeitig ergeben sich über die Kleidung anregende Gespräche. So kam eine Kundin, die von ihrer Mutter einen langen Samtrock geerbt hatte und ein passendes Oberteil suchte. An dem Rock hingen viele Erinnerungen. Bei Kornelia Ullrich kaufte sie ein „Knöppding“, ein westenartiges schwarzes Oberteil, und trägt nun beides zusammen im Theater. Dagegen ist die stracke Jacke mit ihrem kräftigen Grün und dem floralen Muster als Outfit bei Hochzeiten beliebt. Auch die Frau eines Jägers erstand eine der Jacken, um sie bei entsprechenden Anlässen anzuziehen. Solche Geschichten sind es, die Kornelia Ullrich besonders schätzt. Sie zeigen, dass sie ihr Ziel erreicht hat: „Ich wollte wieder ein Augenmerk auf das Alte lenken.“

Hessen und seine Trachten

Die Hessische Vereinigung für Tanz- und Trachtenpflege stellt auf ihrer Seite mehr als 30 verschiedene Trachten vor – von der Angersbacher bis zur Watzenborner Tracht. Der Verband hat sich neben der Trachtenpflege auch der Brauchtumspflege verschrieben und ist auf dem Hessentag mit dem Veranstaltungszelt „Trachtenland Hessen“ vertreten. trachtenland-hessen.de