Schule neu Denken

Zeichnung eines Junge mit einer VR-Brille
Bild: Iconeo

Der Rohstoff unseres Landes ist Bildung. Deutschlands Wohlstand entspringt den Köpfen der Menschen. So lautet die gängige These. Doch Pisa-Studien, Statistiken und Bildungsrankings zeigen: Das Leistungsniveau von Schülerinnen und Schülern sinkt seit Jahren.

SPD-Landtagsfraktion – Christina Schäfer

Schule ist Ländersache. Ein Blick nach Hessen offenbart ein Bildungssystem, das einer Großbaustelle gleicht: Fachkräftemangel in allen pädagogischen Berufen, von der Kita bis zu den Hochschulen. Überlastung der existierenden Fachkräfte, Unterrichtsausfall, Schulen ohne Leitung, marode Schulbauten. Darüber hinaus wirken die Folgen von Corona immer noch nach, die Bildungseinrichtungen müssen wegen des Krieges in der Ukraine mehr Flüchtlinge aufnehmen als je zuvor und wegen der Energiekrise drohen kalte Klassenräume und geschlossene Hörsäle. Bildungs-, Lehrer- und Elternverbände schlagen Alarm und fordern von der Politik in Hessen mehr Investitionen in die Bildung. „Wir müssen es wagen und Schule neu denken. Ganztag, Digitalisierung, qualifizierter Quereinstieg, Schule als Lebensraum für gemeinsames Lernen – das wird die Zukunft unserer Bildung sein“, sagt Christoph Degen.

Der 42-Jährige ist Bildungsexperte der hessischen SPD-Landtagsfraktion. Bevor er in den Landtag gewählt wurde, arbeitete er selbst einige Jahre als Lehrer an einer Förderschule: „Unser Bildungssystem ist veraltet. Vor allem unser Schulsystem. Es gleicht einem löchrigen Kahn, der von wenigen Kräften gegen den Strom gerudert wird.“ System, Lehrerausbildung und Methoden stammten aus einer Zeit, in der die Gesellschaft noch eine andere war: „Als ich vor 30 Jahren in die Schule ging, da waren die meisten Mütter zuhause, die Kinder einer Klasse kamen überwiegend aus ähnlichen Verhältnissen, Lehrer waren Respektspersonen und der Unterricht fand ausschließlich frontal statt. Ganztagsschulen gab es damals noch gar nicht, iPads und Notebooks auch nicht. Doch die Zeiten haben sich geändert und damit auch die Anforderungen an Bildung“, sagt Degen. Da heute in den meisten Familien beide Eltern arbeiteten, bestehe ein großer Bedarf an Ganztagsangeboten für Kinder: „Und aus diesem ergibt sich ein Anspruch an Erziehungsleistung, da die meisten Kinder heute viel mehr Zeit in ihren Bildungseinrichtungen verbringen.“

Hinzu komme, dass Schulklassen sich aus Kindern mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen zusammensetzten: Inklusionskinder, Kinder, die Deutsch als Fremdsprache lernen, Kinder, die vor Krieg geflohen sind. „Diese Kinder müssen alle mitgenommen werden. Eine große Herausforderung für die Lehrkräfte. Schule ist heute heterogen, kommunikativ, kooperativ, inklusiv und digital. Gleichzeitig entsprechen die Inhalte des Lehramtsstudiums immer noch weitestgehend denen von vor 30 Jahren. Erziehungskompetenz wird nicht vermittelt. Das muss sich ändern“, sagt Degen.

„Bildung darf niemals vom Geldbeutel der Eltern abhängen, sie muss deshalb gut und gerecht sein.“

 

Stefanie Hubig ist ebenfalls Politikerin der SPD, doch anders als Christoph Degen, der mit seiner SPD zur Opposition in Hessen gehört, darf sie als Bildungsministerin von Rheinland-Pfalz Bildung gestalten. Auch für Hubig ist gerechte Bildung eine der größten und drängendsten Aufgaben unserer Zeit. „Bildung darf niemals vom Geldbeutel der Eltern abhängen, sie muss deshalb gut und gerecht sein.“ Chancengleichheit müsse der zentrale Wert bei allen Entscheidungen rund um Bildung sein, die Kommunen, Länder und Bund gemeinsam treffen. Anders als im CDU-geführten Hessen hat Rheinland-Pfalz im Sinne der Chancengleichheit etwa die Gebühren für Betreuung in Krippen und Kindergärten abgeschafft. „Außerdem müssen wir unsere Bildungseinrichtungen ins digitale Zeitalter führen. Wir sind in diesem Transformationsprozess in Rheinland-Pfalz schon weit gekommen, aber es geht natürlich nicht nur um die technische Ausstattung, sondern auch um die Qualität des Lernens. Unsere Lehrkräfte nehmen deshalb auch an Fortbildungen zur Bildung in der digitalen Welt teil“, erklärt Hubig.

Der Lehrkräftemangel trifft Schulen in Hessen und auch in Rheinland- Pfalz besonders hart. „Es ist unsere Aufgabe als Bildungsministerium, Schulen angemessen mit Lehrkräften auszustatten. Das ist nicht einfach und das wird es auch in Zukunft nicht sein“, sagt Hubig. Rheinland-Pfalz habe deshalb in die Ausbildung von Lehrern investiert, bilde kontinuierlich Lehrkräfte aller Schularten aus und habe unter anderem einen neuen Studiengang für das Grundschullehramt in Trier geschaffen. „Wir haben auch die Besoldung in den vergangenen Jahren mehrfach erhöht. Verbeamtung ist die Regel. Wir sorgen zudem mit den kleinsten Grundschulklassen bundesweit für gute Rahmenbedingungen“, so die Bildungsministerin.

Unbesetzte Schulleitungen, gestiegene Anforderungen und der Mangel an Kräften führen derweil in Hessen zu einer großen Überlastung der Lehrerinnen und Lehrer: „Diese Lehrkräfte halten den Laden am Laufen. Sie brauchen dringend Unterstützung durch mehr Kollegen und weniger Pflichtstunden, damit sie den gestiegenen Anforderungen neben und während des Unterrichts auch gerecht werden können und nicht auch noch ausfallen.“ Personelle Unterstützung erhalten Lehrerkollegien in Hessen wie auch in Rheinland-Pfalz durch Vertretungskräfte. In Hessen sind dies Tarifangestellte mit befristeten Verträgen. Schulen in Rheinland-Pfalz können darüber hinaus noch auf einen Vertretungspool aus festen Beamten- Planstellen zurückgreifen.

Die angestellten Vertretungskräfte sind meistens keine ausgebildeten Lehrkräfte. Beide Länder stellen auch sogenannte ungelernte Kräfte für den Vertretungsunterricht ein. „Das sind häufig total motivierte Menschen, die andere Berufe gelernt haben. Sie werden in Hessen für ein Jahr befristet eingestellt und ohne besondere Vorbereitung vor eine Klasse gestellt. In den Sommerferien laufen die Verträge dann nicht weiter, ob es einen Anschlussvertrag gibt, ist ungewiss. So werden Menschen, die unterrichten wollen, in prekären Arbeitsverhältnissen gehalten und weder aus- noch weitergebildet. Die größte Unsitte ist, dass Vertretungskräfte nach fünf Jahren in befristeter Anstellung nicht weiterbeschäftigt werden können. Warum werfen wir diese wertvollen Erfahrungen weg? Wir brauchen dringend qualifizierte Möglichkeiten für den Quereinstieg in das Lehramt in Hessen“, sagt Degen.

Degen befürchtet, dass sich der Mangel an Fachkräften in Hessen mit dem Inkrafttreten des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen, den der Bundestag für das Jahr 2026 beschlossen hat, noch verschärfen wird. Nach Berechnungen des Deutschen Jugendinstituts und der Technischen Universität Dortmund fehlen in Hessen bis zu 71.000 zusätzliche Plätze für Schülerinnen und Schüler und rund 4.100 Vollzeitstellen für die Umsetzung der Ganztagsbetreuung an Schulen. Während in Hessen der Schulbeginn der Kinder für viele Familien immer noch die größte Herausforderung in Sachen Vereinbarkeit von Familie und Beruf darstellt, ist Rheinland-Pfalz in Sachen Ganztagsschule einen großen Schritt weiter: „In Rheinland-Pfalz wurden in den vergangenen 20 Jahren über 1,6 Milliarden Euro Landesmittel in den Ausbau der Ganztagsschulen investiert, sowohl für Personal also auch für Sachausgaben. Wir sind deshalb bei den Ganztagsschulen auf 2026 gut vorbereitet. 84 Prozent unserer Schulen haben ein Ganztagsangebot. Jedes Kind, das einen Ganztagsplatz nachfragt, bekommt diesen in unserem Bundesland schon heute. Ganztagsschulangebote leisten einen ganz wichtigen Beitrag zur Chancengleichheit und zur sozialen Teilhabe der Schülerinnen und Schüler und sind ein wichtiger Baustein für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.“ Zustände, die Christoph Degen in Hessen auch gerne umsetzen würde.

„Lehrer oder Lehrerin zu sein ist so ein schöner Beruf “, sagt er. „Vor einer Klasse stehen, mit den Kindern arbeiten, sehen, wie sie sich entwickeln, hat mir immer so viel gegeben. Ich wünsche mir, dass auch Hessen wieder mehr junge Menschen dazu einlädt, Lehrer zu werden. Mit modernen Studieninhalten, mit einer Besoldung nach A13 auch an Grundschulen, mit der Möglichkeit eines qualifizierten Quereinstiegs, mit Investitionen in Schulgebäude und Digitalisierung. Es gibt viel zu tun. Es ist klar – ein alter löchriger Kahn sinkt irgendwann, ganz egal wie stark die Mannschaft ist, die ihn rudert. Wenn wir unser Bildungssystem nicht modernisieren und es zu einem attraktiven Arbeitsplatz machen, dann wird die Ressource unseres Landes irgendwann versiegen.“


So macht die SPD Schule fit für morgen

Mit einer Antragsreihe hat die SPD-Fraktion sich für bessere Arbeitsbedingungen an Schulen eingesetzt.

Die wichtigsten Forderungen:

  • Arbeitsbelastungen an Schulen reduzieren und Arbeitszeit realistisch gestalten
  • Schulsozialarbeit und pädagogische Fachkräfte stärken
  • Ausbildungsstrukturen stärken und mehr Lehrkräfte gewinnen
  • A13 für Grundschullehrer
  • Schulleitungen entlasten und stärken
  • Belastungen der Beschäftigten in den Staatlichen Schulämtern reduzieren
  • Rechte von Personalräten beachten

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