Lehrerin in Vertretung

Zeichnungen einer Lehrerin
Bild: Iconeo

Reportage – Frederick Mittendorff

An Hessens Grundschulen fehlen Lehrer. Unterricht fällt aus, Klassen müssen aufgeteilt werden, mancher Schule droht gar die Schließung. Damit das nicht passiert, übernehmen häufig Vertretungskräfte den Unterricht. Ohne Ausbildung und Anleitung unterrichten sie Deutsch und Mathe, geben Noten, übernehmen sogar Klassenleitungen. Unser Reporter hat eine 26-jährige Vertretungslehrerin an einer hessischen Grundschule beim Unterricht begleitet.

Es ist ein Montagmorgen im November, die Sonne ist vor einer Viertelstunde aufgegangen. 20 Kinder der Klasse 3c stehen auf dem Schulhof einer Grundschule in Hessen und warten auf ihre Lehrerin. Mit dem Glockenschlag erscheint die 25-jährige Marlene Wendland und sammelt ihre Schüler* innen ein. Gemeinsam gehen sie zum Klassenraum und beginnen mit dem Unterricht. Frau Wendland, das wissen weder die Kinder noch ihre Eltern, ist keine ausgebildete Lehrerin. Erst vor vier Wochen hat sie mit dem Grundschullehramtsstudium begonnen. An der Schule arbeitet sie aber bereits seit dem vergangenen Jahr. Seit diesem Schuljahr trägt Marlene Wendland sogar die Verantwortung als Klassenlehrerin für die 3c. Als sogenannte TV-H-Kraft (Tarifvertrag Hessen) vertritt sie eine langzeiterkrankte Lehrerin.

Wenn an einer Schule in Hessen Vertretungsbedarf ab sechs Wochen besteht, können befristete Vertretungsverträge abgeschlossen werden. Das ist in Hessen aufgrund des Mangels an ausgebildeten Lehrkräften vor allem an Grundschulen häufig nötig. Laut Kultusministerium arbeiten im aktuellen Schuljahr 4.019 TV-H-Kräfte an den hessischen Grundschulen. Die Vertretungen sollen vorrangig aus dem Pool ausgebildeter Lehrkräfte rekrutiert werden, aber auch „fachlich und pädagogisch geeignete Personen“ kommen laut Kultusministerium infrage. Wer fachlich oder pädagogisch „geeignet“ ist, ist nicht genau festgelegt. Es gibt auch kein offizielles Bewerbungsverfahren. Die Zahl der angestellten Vertretungslehrer* innen, die kein entsprechendes Studium absolviert haben, wird vom Kultusministerium nicht erhoben.

Das Wichtigste ist, hier alle mitzunehmen.

In der 3c von Frau Wendland taucht vor Unterrichtsbeginn das wohl berühmteste Tier an Deutschlands Schulen auf: der Schweigefuchs. Doch dessen Autorität muss nach dem Wochenende erst wieder erwachen. Die Klasse ist unruhig. Es wird gezappelt, getuschelt, geweint. Wendland muss sich durchsetzen, da hilft nur ermahnen und ermutigen. In ihrer Klasse sind Kinder mit ADHS, Autismus, eins spricht kein Deutsch. „Das Wichtigste ist, hier alle mitzunehmen. Das ist die schwierigste Aufgabe“, sagt Wendland. Der Spagat zwischen Klassenleitung und Studium ist zeitraubend – am Sonntag saß sie von 8 bis 22 Uhr am Schreibtisch. „Ich bin lieber in der Schule, als zu studieren. Aber um hier langfristig zu arbeiten, muss ich nun mal an die Uni.“ Die Doppelbelastung habe sie gewählt, weil sie die Kinder der 3c nicht im Stich lassen wollte. Lehrerin ist für sie mehr als ein Beruf.

Wendland ist eine von fünf TV-H-Kräften an ihrer Schule. Sie werden vom Land schlechter bezahlt als ausgebildete Kolleg* innen und werden auch nicht verbeamtet. Als einzige Vertretungslehrerin trägt Wendland die Verantwortung einer Klassenleitung. Das bedeutet 20 Wochenstunden Unterricht plus zehn Stunden Vor- und Nachbereitung. Eine Gehaltserhöhung ist im Tarif dafür nicht vorgesehen.

Für sie ist nicht das Pädagogische an dem Job das ungewohnte, sondern das Fachliche. Sie hat vorher bereits mit Kindern gearbeitet und Soziale Arbeit studiert. Die Unterrichtsfächer kannte sie bis zu ihrem Antritt als Vertretungslehrerin nur aus ihrer eigenen Schulzeit. „Ich finde es krass, dass ich einfach so Deutsch unterrichten darf.“ Wer als Vertretungskraft anfängt, lande erst einmal im kalten Wasser und sei auf Unterstützung ausgebildeter Kolleg*innen angewiesen. An ihrer Grundschule bilden deshalb die Lehrkräfte eines Jahrgangs ein Team und arbeiten eng zusammen. Zu Beginn des Schuljahrs bekam Wendland zudem dicke Ordner, durch die sie sich für den Lehrplan arbeiten musste, um überhaupt erst einmal zu verstehen, was sie den Kindern beibringen soll.

„Mir ist keine einzige Grundschule bekannt, die keine Vertretungslehrer beschäftigt.“

Während sie an der Uni im ersten Semester die Grundlagen des Lehrerberufs vermittelt bekommt, gibt sie in der Schule Noten und wird im kommenden Schuljahr mitentscheiden, welche ihrer Schüler*innen eine Empfehlung für das Gymnasium bekommen. Zumindest wenn sie dann noch da ist, denn die Verträge der TVH- Kräfte sind befristet. Jedes Jahr entscheidet sich von Neuem, ob sie bleiben können. Die finale Entscheidung liegt beim Schulamt und nicht bei der Schulleitung. Darüber hinaus laufen viele Vertretungsverträge nicht über die Sommerferien, die Bezahlung entfällt dann für diesen Zeitraum. In der Pause steht Frau Wendland mit einer anderen Lehrerin, ebenfalls TV-H-Kraft, auf dem Schulhof und beaufsichtigt die Kinder. Beide wissen nicht, ob sie im nächsten Schuljahr noch an der Grundschule arbeiten werden: „Es herrscht immer Unsicherheit, was die Anschlussverträge betrifft“, klagt die Kollegin. Marlene Wendland tröstet derweil ein Mädchen, das weinend zu ihr gekommen ist.

Es sei undenkbar, dass der Schulbetrieb ohne TV-H-Kräfte auskomme, sagt die Leiterin der Grundschule Anne Mühling. „Mir ist keine einzige Grundschule bekannt, die keine Vertretungslehrer beschäftigt.“ Der Lehrermangel sei zu gravierend. Vertretungskräfte seien aber laut Mühling per se nichts Schlechtes. Viele arbeiteten sehr fleißig und nach ihren Möglichkeiten sehr gut. Eine Garantie dafür, dass nicht ausgebildete Lehrkräfte eine studierte Lehrkraft ersetzen, habe man jedoch nie.

Der Schultag neigt sich dem Ende entgegen. In den vergangenen Stunden hat Marlene Wendland mit Kindern abgeklatscht, Deutschaufsätze kontrolliert, gelobt und vieles als „cool“ bezeichnet. Authentisch sein, Geduld haben, das seien ihre Schlüssel, um den Unterrichtsstoff zu vermitteln, so Wendland. Eine Schülerin hat zum Abschluss noch eine Bitte an den Reporter: „Berichten Sie nur Gutes über Frau Wendland. Sie ist die Beste!“ Gut, wenn das so ist. Besser wäre wahrscheinlich, wenn das System auch ohne all die engagierten TV-H-Kräfte auskäme, die zu schwierigen Beschäftigungsbedingungen arbeiten müssen.

Hinweis der Redaktion: Wir dürfen in diesem Artikel weder den Namen der Grundschule noch die Namen der Schulleitung und der Vertretungslehrerin nennen. Es werden Tadel oder gar Sanktionen des Kultusministeriums befürchtet, wenn Probleme an Schulen öffentlich gemacht werden. Deshalb haben wir die Namen der handelnden Personen geändert.

 

Frederick Mittendorff (26) hat vor Kurzem sein Volontariat bei der Hamburger Morgenpost abgeschlossen und wird ab Januar die Reportageschule in Reutlingen besuchen.