Im Rhythmus der Ganztagsschule

An der Grundschule Gießen-West, an der ich knapp 20 Jahre Schülerinnen und Schülern unterrichtet habe, wird das Konzept der gebundenen Ganztagsschule (Profil 3) gelebt. Die Schülerinnen und Schüler der Ganztagsklassen haben in der Kernzeit zwischen 8 und 15.30 Uhr Unterricht. Phasen des Lernens, der Entspannung und der Pausen wechseln sich dabei kindgerecht ab – das nennen wir eine Rhythmisierung. Der gesamte Schultag ist die gemeinsame Zeit, in der gelernt und gelebt wird. Und beim Lernen geht es dabei nicht nur wie früher um das Lernen fachlicher und schulischer Lehrinhalte, sondern es geht auch um das soziale Lernen, zum Beispiel wie man streitet und sich verträgt, wie man im Team arbeitet, Probleme und Erfolge gemeinsam bespricht und so weiter.

Durch die längere gemeinsame Zeit können alle Kinder optimal gefördert werden und davon profitieren am Ende alle. Die Unterrichtsqualität ist besser und die Chancengleichheit wird gefördert, denn der Tag sieht für alle Schülerinnen und Schüler gleich aus. Durch ein gemeinsames Frühstück kommt niemand mit knurrendem Magen an seinen Platz, keiner muss seine Hausaufgaben ganz allein bewältigen und gespielt wird trotzdem. Kinder, die schon über sehr viele Kompetenzen verfügen, entwickeln so ihre Stärken weiter. Kinder, die keinen optimalen Bildungsstart hatten, profitieren vom längeren gemeinsamen Lernen, bilden eigene Stärken aus und überwinden Schwächen. Durch das gemeinsame Frühstück, Mittagessen und das Ausklingen des Schultages bekommen die Kinder eine Struktur, in der sie sich frei und sicher entwickeln können.

Dieser „echte“ Ganztag braucht Zeit, Hingabe und er braucht mit Sicherheit auch Geld, aber er lohnt sich. Denn Schülerinnen und Schüler sind nicht irgendwer, dem irgendetwas beigebracht werden muss. Die Schule ist nicht irgendein Ort, sondern ein Lebensraum. Deshalb sollten auch alle Kinder die Möglichkeit haben, auf eine Ganztagsschule zu gehen.

 

Nina Heidt-Sommer ist Mitglied der SPD-Landtagsfraktion.
Zuvor war sie Grundschullehrerin an der Ganztagsgrundschule Gießen-West.

 

Die hessischen Profilschulen:

Das Ganztagsprogramm des Landes Hessen teilt entsprechende Angebote an Schulen in die Profile 1, 2 und 3 ein. In allen Schulen dieser Profile gibt es ein warmes Mittagessen, altersgerechte Gemeinschafts- und Aufenthaltsräume sowie Spiel- und Ruhemöglichkeiten.

Profil 1: Schulen mit Ganztagsangeboten

An mindestens drei Wochentagen gibt es von 7.30 Uhr bis 14.30 Uhr eine Hausaufgabenbetreuung, Fördermaßnahmen und einen erweiterten Wahl- und Freizeitbereich. Die Teilnahme an diesen Angeboten ist freiwillig.

Profil 2: Schulen mit Ganztagsangeboten

An allen fünf Schultagen gibt es Zusatzangebote von 7.30 Uhr bis 16 bzw. 17 Uhr. Angemeldete Schülerinnen und Schüler sind zur Teilnahme verpflichtet. Die Schule kann selbst entscheiden, ob und wie sich Bildungs- und Freizeitangebote während des Schultages abwechseln.

Profil 3: „Echte“ Ganztagsschulen

An allen fünf Tagen pro Woche gibt es Betreuung, Unterricht und verpflichtende Ganztagsangebote.