Gemeinsames Lernen

„Schule ist heute Heterogenität, Digitalisierung und Deutschintensivklassen.“

Interview – Tom Schwarze
aufgezeichnet von Christina Schäfer

 

Herr Schwarze, was ist eine Integrierte Gesamtschule?

Das ist eine Schule für alle. Gemeinsames Lernen steht bei uns im Mittelpunkt. Eine IGS bildet alle Bildungsgänge ab – Hauptschule, Realschule, Gymnasium und die Förderschule.

Das heißt, jedes Kind kann nach der vierten Klasse auf eine IGS gehen, egal wie gut oder schlecht es in der Grundschule abschneidet?

Ja. Wir nehmen alle Kinder auf mit all ihren unterschiedlichen Voraussetzungen, mit ihren Stärken und Schwächen. Wir entscheiden nicht schon in Jahrgang fünf, welcher Schulabschluss der richtige ist. Wir schauen gemeinsam, welcher Weg eingeschlagen werden kann. Ziel ist es, dass alle unsere Schüler den bestmöglichen Abschluss erreichen. Das ist aber nicht für jeden das Abitur.

Viele Eltern haben die Sorge, dass ihr leistungsstarkes Kind an einer Gesamtschule die leistungsschwachen mitziehen soll, aber selbst dadurch schlechter abschneidet. Bestätigt sich das?

Diese Sorge bestätigt sich nicht. Studien zeigen uns, dass alle Kinder, die bis zur neunten Klasse gemeinsam lernen, besser abschneiden. Danach trennt sich der Weg und leistungsstärkere Kinder können einen höherwertigen Abschluss machen. Dieses System bewährt sich in vielen Ländern dieser Welt. Nur in Deutschland und in Österreich wird schon nach der 4. Klasse differenziert. Dabei fällt die Einstufung häufig falsch aus, was meistens am Elternwunsch liegt.

In welche Richtung fallen die falschen Entscheidungen und was bedeutet das für die Kinder?

Die Kinder werden zu gut eingestuft. Über 50 Prozent der Schüler in Hessen gehen auf das Gymnasium, um den bestmöglichen Abschluss zu erreichen. Die Versagensquote ist deshalb in diesem Bildungsgang am höchsten. Für die Kinder ist es immer ein Drama, wenn sie zurückgestuft werden. Sie müssen ihre Klasse, ihre Schule verlassen. Die Lehrerverteilung funktioniert deswegen auch nicht gerecht. Die Gymnasien fangen mit vollen Klassen an, bekommen entsprechend viele Lehrer zugewiesen. In der sechsten Klasse sind die Klassen dann plötzlich leer. Die Lehrer sind trotzdem da und fehlen jetzt an anderen Schulen, die die Kinder aufnehmen.

Was kann man dagegen tun?

Eine bessere Beratung der Eltern würde helfen. Gesamtschulen verdienen ein besseres Image. Bei uns muss niemand wegen schlechter Noten die Klasse verlassen. Die Kinder dürfen auch mal Phasen haben, in denen es nicht so gut läuft, und können sich dann auch wieder verbessern. So kann eine ganz besondere Gemeinschaft in einer Klasse entstehen, weil alle wissen, sie bleiben zusammen. Auch die Beziehung zu den Lehrkräften wird so besser und konstruktiver.

So eine Klasse voller Kinder mit unterschiedlichen Lernniveaus muss eine große Herausforderung für die Lehrkraft sein …

Das ist sie! Und zwar eine riesige Herausforderung. Und darauf wird keiner vorbereitet. Es gibt nämlich kein Lehramt „Gesamtschullehrer“. An einer Gesamtschule werden von einer Lehrkraft Kinder gemeinsam unterrichtet, die eines Tages Abitur machen, andere, die ohne Abschluss die Schule verlassen, die inklusiv beschult werden, die aus einer Deutsch-Intensivklasse kommen, die wenig lesen und schreiben können, Kinder, die uns nach der neunten Klasse für eine Ausbildung verlassen. Aber mit guten Materialien, digitalen Lerngeräten, Schulsozialarbeit und Kooperationsangeboten ist es machbar und am Ende für alle ein Gewinn.

Was ist für Ihre Schule derzeit die größte Herausforderung?

Definitiv der Lehrermangel. Die Grund- und Förderschulen trifft es am härtesten, aber direkt danach kommen die Gesamtschulen.

Was hat der Lehrermangel an Ihrer Schule für Auswirkungen?

Ganz viel Fachunterricht wird von Personen erteilt, die es nicht gelernt haben. Ja, auch ich muss ungelernte Fachkräfte beschäftigen. Das sind Leute, die sind fleißig, die machen das nach ihren Möglichkeiten – aber sie haben keine Ausbildung dafür. Und ganz ehrlich – im Krankenhaus möchte man auch nicht, dass ein Arzt vor einem steht, der ohne Ausbildung mal probiert, ob er es kann.

Was würde passieren, wenn Sie die Vertretungskräfte nicht einstellen würden?

Dann würden rund 10 Prozent des Unterrichts ausfallen.

Das Kultusministerium hat mehr Lehrerstellen geschaffen und eine Werbekampagne für den Lehrerberuf aufgesetzt. Sehen Sie in Zukunft eine Entspannung hinsichtlich des Lehrermangels?

Nein. Leider sehe ich das Gegenteil auf uns zukommen. Wenn man sich die seit Jahren steigenden Schülerzahlen ansieht und den kommenden Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen bedenkt, wird klar: Das Problem wird sich verschärfen.

Was können wir kurzfristig gegen den Lehrermangel tun?

Es gibt immer noch viele, die teils jahrelang auf ein Referendariat warten. Diese Warteschleife sollten wir schnell auflösen. Den Grundschulbereich müssen wir lukrativer machen. Es kann nicht sein, dass man als Grundschullehrer nach einem Universitätsstudium und für mehr Unterrichtsverpflichtungen weniger Geld verdient als Kollegen an weiterführenden Schulen. Zudem brauchen wir bessere Möglichkeiten für einen Quereinstieg – die Kollegen müssen über eine lange Zeit begleitet, geschult und gefördert werden.

Und wie können wir den Lehrerberuf für die Zukunft fit machen?

Das Studium muss dringend in die heutige Zeit geholt werden. Das, was Schule heute spannend macht – die Heterogenität, Digitalisierung, Deutschintensivklassen–, wird im Studium gar nicht thematisiert. Klar ist Fachwissenschaft wichtig, aber die sollte in der Lehrerausbildung nicht mehr so einen hohen Stellenwert einnehmen. Kleinere Klassen und weniger Pflichtstunden für Lehrer wären auch ein Schritt in die Moderne. Die Lehrer müssen in die Lage versetzt werden, in 40 Wochenstunden alle Anforderungen auch erfüllen zu können – dazu gehören die individuellen Anforderungen der Kinder, die Kommunikation mit Eltern, Sozialarbeit und mehr, technische Anforderungen sowie Dokumentation und Kooperation.

Machen es Ganztagsschulen Lehrern nicht noch schwerer, alle Anforderungen zu erfüllen?

Wir müssen unbedingt mehr echte Ganztagsangebote schaffen. Ganztagsschule bedeutet nicht Unterricht den ganzen Tag. Wenn die Kinder täglich länger an der Schule sind, bleibt den Lehrern und allen Kräften mehr Zeit für die individuelle Förderung und für eine Intensivierung der Beziehung. Der Ganztag ermöglicht eine neue Rhythmisierung von Schule – ein Abwechseln zwischen Unterricht, kreativen Angeboten, individueller Förderung, Ruhezeiten und gemeinsam gestalteter Zeit.

Wie sieht für Sie eine moderne Schule aus?

Eine moderne Schule ist ein Lebensraum, in dem gemeinsames Arbeiten und Lernen mit modernen Methoden sowie die individuelle Förderung im Mittelpunkt stehen. Und dabei gehören alle dazu – Schülerinnen und Schüler, Lehrer, Eltern, Leitung, Sozialarbeiter, UBUS-Kräfte, Bürokräfte, Putzkräfte, Hausmeister und Kooperationspartner. Wenn wir dieses Verständnis von Schule in der Gesellschaft entwickeln, sind wir mit Schule in der Zukunft angekommen.

Tom Schwarze ist Schulleiter der Wilhelm-Heinrich-von-Riehl-Schule in Wiesbaden, einer Integrierten Gesamtschule.
Er leitet erfolgreich eine moderne Schule, die sich jeden Tag der ganzen Bandbreite aller Herausforderungen stellt, die an Schule heute gestellt werden können.

 

Steckbrief

IGS Wilhelm Heinrich von Riehl

Ganztagsangebote

  • Montags und freitags von 7.15 bis 15.15 Uhr
  • Dienstags, mittwochs und donnerstags bis 16.30 Uhr

Klassen

  • 5. und 6. Klasse Unterricht im Klassenverband
  • Lernmaterialien und An­forderungen unterscheiden sich nach Leistungsniveau
  • Ab Jahrgang 7 Splittung in Grund– und Erweiterungskurse
  • Klassengröße bis 25 Kinder

Service

  • Jede/r Schüler/in bekommt ein iPad als Lerngerät
  • Ein/e Lehrer/in ist IT-verantwortlich

Besonderheiten

  • 10 Sozialarbeiter/innen sowie eine „UBUS-Kraft“ (pädagogische Fachkräfte, die beim Land Hessen angestellt sind)
  • Individuelle Förderung der Schüler/innen durch die Lehrerenden