Ein Abgeordneter im Bus

Florian Schneider lebt im ländlichen Raum und fährt regelmäßig mit dem Auto. Für das Magazin hat er es einen Tag lang stehen lassen und ist nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren.

SPD-Landtagsfraktion – Florian Schneider

Ich sitze im Bus. Das mag zunächst nicht ungewöhnlich klingen, doch für mich ist es etwas Besonderes. Als Landtagsabgeordneter hetze ich oft von Termin zu Termin und habe nur wenig Zeit. Da mein Wahlkreis der Landkreis Kassel ist, fahre ich mit dem Auto, das geht am schnellsten, denn die Verbindungen des öffentlichen Verkehrs sind nicht vorteilhaft. Doch spätestens seitdem uns der Klimawandel immer bewusster wird, fährt bei jeder Autofahrt das schlechte Gewissen mit. Deshalb habe ich mir vorgenommen, einen Arbeitstag lang die öffentlichen Verkehrsmittel zu nehmen. Ich möchte testen, ob sie eine Alternative für mich sein können. Außerdem will ich mir einen Eindruck verschaffen, wie der öffentliche Verkehr so verbessert werden kann, dass ihn noch mehr Menschen im ländlichen Raum nutzen möchten.

9.54 Schauenburg-Elgershausen

Meinen ersten Termin habe ich um 12 Uhr in Nieste. Mit dem Auto würde ich für den Weg 25 Minuten benötigen – über die A 44 und A 7. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln brauche ich 1,5 Stunden. Um 9.54 Uhr besteige ich in meinem Heimatdorf Schauenburg-Elgershausen den Bus 52. 8,10 Euro kostet das „MultiTicket Single“, mit dem man 24 Stunden auf beliebig vielen Fahrten im Großraum Kassel unterwegs sein darf. Der Bus ist nur mäßig besetzt. Bei herrlichem Wetter genieße ich die Fahrt, schaue aus dem Fenster und bewundere die Schönheit meiner Gegend. Im Auto hätte ich diese Ruhe jetzt nicht.

11.26 Nieste

Nach 28 Stopps und 45 Minuten muss ich in Kassel Salzmannshausen umsteigen. Mit dem Bus 33 geht es weiter nach Nieste. Ich komme pünktlich um 11.26 Uhr an und freue mich über die halbe Stunde, die ich noch habe, bevor mein Termin beginnt. Ich gehe zum Bäcker und hole mir einen Kaffee.

Im Anschluss an meinen Termin fahre ich mit dem Bus nach Hause, um im Home-Office zu arbeiten. Es ist sauber im Bus, die Sitze sind bequem und es gibt sogar USB-Steckdosen zum Handy-Aufladen in den Rückenlehnen der Vordersitze. Ich bin begeistert, stecke mein Ladekabel ein und lehne mich zurück.

14.06 Kassel Königsplatz

Kurz nach 14 Uhr steige ich in Kassel, Haltestelle Königsplatz, aus der Straßenbahn. An der Haltestelle sitzen Jugendliche im Schneidersitz auf dem Boden und trinken Alkohol. Auf der Bank am Gleis haben sich Obdachlose ein Lager eingerichtet. Die Passagiere in der Straßenbahn spiegeln die bunte Stadtbevölkerung wider. Alle Schichten und jedes Alter sind vertreten. Es ist deutlich voller, als anschließend im Bus 52, der mich raus aufs Land fährt. Am Abend wartet mein nächster Termin auf mich. Ich muss nach Fuldabrück-Dörnhagen. Fahrzeit mit dem Auto: ca. 20 Minuten. Mit Bus und Straßenbahn: eine Stunde. Wieder führt mich mein Weg mit dem Bus zunächst nach Kassel. Das Streckennetz sieht wie ein Spinnennetz aus, alle Wege führen zunächst in die Metropole Kassel. Die einzelnen Gemeinden durch öffentlichen Verkehr miteinander zu verbinden, wäre wohl finanziell nicht möglich. Zu wenige würden es nutzen. Auf der Fahrt nehme ich meinen Laptop auf den Schoß und bereite mich auf meine Sitzung vor.

21.02 Feierabend

Um 21.02 Uhr habe ich Feierabend. Am Abend sind die Taktungen der Öffentlichen geringer. Ich muss zusehen, dass ich meine Anschlüsse nicht verpasse. Meine Straßenbahn in Kassel hat wenige Minuten Verspätung. Als sie am Bahnhof Wilhelmshöhe einfährt, lauere ich schon an der Tür. Angespannt sehe ich auf die Uhr. Zum Umsteigen bleiben mir vielleicht noch 30 Sekunden. Die Tür öffnet sich und ich sprinte los. Mit mir rennen andere. Der Menschenmasse hinterherrennend, finde ich die Abfahrtsstelle meines Busses. Der Bus 52 steht schon da, die Türen sind offen. Kaum setze ich einen Fuß in den Bus, schließen sich die Türen und meine letzte Fahrt an diesem Tag beginnt. Glücklich lasse ich mich auf einen Sitz fallen. Hätte ich den Anschluss verpasst, hätte ich eine Stunde am Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe warten müssen. Und der trägt nicht zu Unrecht den Titel schäbigster Bahnhof Deutschlands – es zieht fürchterlich und das Ambiente erinnert an eine Wartehalle aus den 70ern.

22.22 Daheim in Schauenburg

Um 22.22 Uhr komme ich in Schauenburg an. Der Fußweg durch die frische Luft bis nach Hause tut mir gut. In Gedanken ziehe ich mein persönliches Fazit – so entspannt bin ich selten durch den Arbeitstag gekommen. Die Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln haben mich entschleunigt. Doch auch wenn es mir gutgetan hat, kann ich diese Zeit nicht täglich aufbringen. Ich konnte aufgrund der Fahrzeiten nur bei zwei Terminen anwesend sein. Fahre ich mit dem Auto, bin ich spontaner und schneller und schaffe vier Termine an einem Tag. Und für mich als Abgeordneten ist genau das mich besonders wichtig: da zu sein. Doch für Zeiten, in denen weniger Termine anfallen, kann ich mir gut vorstellen hin und wieder so einen entspannten Bus- und Bahntag einzuschieben.

Verbesserungswürdig sind aus meiner heutigen Erfahrung vor allem die Umsteigezeiten. Für sportliche und ortskundige Passagiere sind zwei Minuten Umsteigezeit schon anspruchsvoll, aber machbar. Doch für ältere Menschen, Menschen einer Behinderung oder Ortsfremde sind sie nicht zu schaffen. Vor allem abends ist es ein großes Ärgernis, wenn man seinen Anschluss verpasst, da Züge, Straßenbahnen und Busse viel seltener fahren und man lange Wartezeiten hat. Ansonsten ist mir noch aufgefallen, dass es in allen Bussen Klappsitze in den Bereichen für Rollstühle, Kinderwagen und Rollatoren geben sollte, damit besonders ältere Menschen in der Nähe ihrer Gehhilfen sitzen können.

Aufgezeichnet von C. Schäfer