Gerhard Merz: Hessens Schulsystem braucht mehr Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit

Der Obmann der SPD-Landtagsfraktion in der Enquetekommission Bildung, Gerhard Merz, hat für mehr Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit im hessischen Schulsystem plädiert. „Wichtigste Aufgabe der Bildungspolitik ist es, allen Kindern die ihren Begabungen und Neigungen gemäße optimale individuelle Förderung zuteilwerden zu lassen und dabei für gleiche Chancen und gerechten Bildungszugang zu sorgen. Die soziale Herkunft oder andere individuelle Merkmale dürfen nicht darüber entscheiden, welchen Bildungschancen Schülerinnen und Schüler in Hessen haben. Hier gibt es in vielerlei Hinsicht noch viel zu tun, um die nötigen Voraussetzungen für eine faire Teilhabe am Bildungssystem zu schaffen“, sagte Merz am Freitag in Wiesbaden.

Die auf Initiative der SPD ins Leben gerufene Kommission habe zur Aufgabe, fraktionsübergreifend und unter Beteiligung von Experten aus der Wissenschaft und schulischen Verbänden, Defizite zu erkennen und Vorschläge zur Verbesserung des hessischen Schulsystems zu unterbreiten. In der aktuellen Sitzung sei es speziell um Chancen und Benachteiligungen, die innerhalb des Schulsystems, aber auch in den Übergängen zu Ausbildung und Studium festzustellen seien, gegangen.

Professor Nils Berkemeyer, Bildungsforscher der Universität Jena und Mitautor des jährlich erscheinenden „Chancenspiegel“ der Bertelsmann-Stiftung, bestätigte dieses Fazit. Zahlreiche systembedingte Faktoren, die nicht im Zusammenhang mit dem möglichen individuellen Bildungserfolg stünden, wirkten sich nach wie vor negativ aus. So gebe es sogar einen starken Zusammenhang zwischen dem Erfolg und der jeweiligen Region, in das Kind zur Schule geht. Dies sei in hohem Maße ungerecht.
„Es geht darum, systematische institutionelle Diskriminierung zu erkennen und aufzuheben“, so Prof. Berkemeyer. Überdies werde die Tatsache der institutionellen Diskriminierung aktuell viel zu harmonisierend durch Begriffe wie „Umgang mit Heterogenität“, „Inklusion“ und „individuelle Förderung“ kaschiert, stellte Prof. Berkemeyer in seiner Stellungnahme fest.

Überdies seien deutliche Unterschiede in der Bewertung des Themas durch die Sachverständigen sichtbar gewesen. Während der auf Vorschlag der CDU eingeladene Psychologe Professor Dollase die Meinung vertrat, man könne „Unterschiede nicht einfach wegfördern“ und diese seien im Einzelfall auch „irrelevant“, da man ihre Gründe nicht genau bestimmen könne, stellte auch Professorin Dr. Karin Bräu von der Universität Mainz institutionell bedingte Defizite in Hessen fest. So ließen sich in Hessen schärfere Selektionsmechanismen als im Bundesdurchschnitt beobachten. Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund und mit niedrigem sozioökomischem Status seien davon besonders stark betroffen. Es ginge nicht darum, alle zum Abitur zu führen, aber die Chancen dahin gerecht zu gestalten.

Merz sah in diesem Punkt dringenden Handlungsbedarf. „Die hessischen Schulen dürfen mit ihrer Verantwortung für Chancengleichheit und -gerechtigkeit nicht alleingelassen werden. Um die enge Koppelung von Herkunft und Bildungserfolg zu lösen, brauchen wir nicht nur das mitunter noch fehlende gesellschaftliche Problembewusstsein, sondern auch konkrete präventive Maßnahmen“, so der SPD-Politiker. Die festgestellten Probleme seien mittels einer abgestimmten Schulentwicklungsplanung ebenso zu berücksichtigen wie in der Lehrerbildung und den Lehrplänen. „Schulen brauchen mehr Ressourcen und Möglichkeiten, um individuelle Förderung zu ermöglichen, Eltern zu beraten und Kindern Raum für die Entfaltung ihres persönlichen Leistungsniveaus zu schaffen. Hier ist die Landespolitik in der Pflicht“, sagte Merz.