Dr. Judith Pauly-Bender (SPD): 90 Jahre Frauenwahlrecht: Einiges erreicht, aber noch viel zu tun!

Zweifellos sei es gerade für die Politikerinnen der Anfangszeit schwer gewesen, in der bis dahin allein männlich geprägten Politik Fuß zu fassen. Erst im Laufe der 90er Jahre habe der Frauenanteil in der Politik zugenommen. Der heutige Anteil von Frauen in der Politik liege im aktuellen Deutschen Bundestag bei 31,6 %, in den Landtagen durchschnittlich bei ca. einem Drittel und in den Kommunen bei durchschnittlich ca. 25%.

Damit entspreche der Anteil der Frauen in der Politik noch immer nicht ihrem Anteil an der Bevölkerung und noch immer gäbe es Gründe, die insbesondere Frauen davon abhalten, sich politisch zu engagieren. Mangelndes Interesse seitens der Frauen am politischen Geschehen sei nicht der Grund hierfür, vielmehr lägen die Gründe immer noch in den männlich geprägten Strukturen politischer Abläufe, die es Frauen doppelt schwer machen würden. So zum Beispiel politisches Engagement und Familie zu verbinden, sowie in den unterschiedlichen Erwartungen von Frauen und Männern einerseits an die Politik, andererseits aber auch an Frauen und Männer in der Politik. Gerade politische Spitzenpositionen oder bestimmte Themenbereichen seien daher weiter männlich dominiert, so fände man bis heute unter der Riege der deutschen Bundeskanzler, Bundespräsidenten und Ministerpräsidenten bisher nur eine Bundeskanzlerin und eine Ministerpräsidentin. Ministerinnen seien weitaus seltener als Minister und zugleich gehäuft in bestimmten Ministerien zu finden, z.B. im Bereich Familie und Soziales, selten bis gar nicht in den Bereichen Finanzen, Wirtschaft, Innen- oder Außenpolitik.

Zudem gäbe es starke Unterschiede zwischen den Parteien, die sich bis zum heutigen Tag erhalten haben. So liege der weibliche Anteil an Mandaten in allen Parlamenten bei CDU/CSU und FDP durchschnittlich weit unter dem weiblichen Anteil an Mandaten bei SPD, Grünen und der Linken. Am Beispiel des im Januar 2008 gewählten Hessischen Landtags werde dies besonders deutlich: der Frauenanteil insgesamt betrage 35,5%, die Anteile bei FDP und CDU mit jeweils unter 20% blieben jedoch stark unter denen der SPD, der Grünen und der Linken zurück, die jeweils über 40% betragen.

Dr. Pauly-Bender hoffe auf einen neuen Schub in den nächsten Jahren, der zu erkennbar mehr Gleichberechtigung in der Politik führe. „90 Jahre nach Einführung des aktiven und passiven Wahlrechts für Frauen bedarf es nun endlich der aktiven Überwindung bestimmter männlich geprägter Strukturen in der Politik und der Abschaffung vorherrschender Geschlechtsrollenzuschreibungen in der medialen Berichterstattung über Politik und Politikern, die dem Politiker positiv anrechnen, was sie der Politikerin negativ ankreiden“, so Pauly-Bender. „Es wird eine zentrale Aufgabe der nächsten Jahre sein, der  normativen Gleichstellung im Wahlrecht nun auch die tatsächliche Gleichstellung in der Politik und damit auch in der politischen Gestaltung folgen zu lassen.“

Dabei ist die Sozialdemokratin grundsätzlich zuversichtlich. Die SPD sei mit allen großen frauenpolitischen Fortschritten in der Geschichte Deutschlands zu verbinden. Das beginne mit dem Frauenwahlrecht, reiche über den frühen Mutterschutz, die Forderung nach Lohngleichheit, die Anschaffung der Leichtlohngruppen für Frauen, die Gleichberechtigungsartikel der Verfassungen, die Gleichberechtigung in der Ehe und vieles mehr. „Mit dieser Tradition im Rücken, haben wir die sichere Gewissheit, es geht, wenn man für Frauenrechte kämpft. Die Frauen behindernde Kultur der Politik und ihrer medialen Widerspiegelung werden wir auch noch verändern“, sagte Pauly-Bender.