Hildegard Pfaff (SPD) gegen Zweiklassenservice bei der Bahn

Angesichts dieser Sachlage wäre die Bahn AG gut beraten alles daran zu setzen, dieses Problem so schnell und so wirksam wie möglich in den Griff zu kriegen, anstatt schon wieder mal weitere Einschränkungen im Kundenservice  zu planen. Laut Presseberichten beabsichtigt sie, auf allen kleineren Bahnhöfen – das sind bundesweit 4500 an der Zahl – keine regulären Lautsprecheransagen mehr zu machen. Man wolle die Ansagen der Bahn-Mitarbeiter durch automatische Bandansagen ersetzen. Das sei keine Kürzung der Leistungen, so ein Bahnsprecher, sondern eine Modernisierungsmaßnahme. Gerade Verspätungen sind naturgemäß eher nicht vorhersehbar. Sie werden deshalb auch nur schwerlich durch automatische Bandansagen bekannt gemacht werden können. Die Kunden außerhalb der Ballungszentren müssen sich irgendwie veräppelt vorkommen. Im Ergebnis würde damit ein Zweiklassenservice mit unterschiedlichen Standards geschaffen.

Mittlerweile rudert die Bahn wieder zurück. Ich halte das für einen ungeheuerlichen Vorgang. Es zeigt einmal mehr, dass Mehdorn kein großes Interesse am Schienenverkehr in der Fläche hat. Zudem ist es ungeheuerlich, weil Herr Mehdorn erst vor wenigen Wochen mit dem geplanten Bedienzuschlag von 2,50 Euro kläglich gescheitert ist. Alle Kunden sollten beim Fahrkartenkauf am Schalter den Zuschlag entrichten, die am Automaten nicht. Das hätte vor allem ältere Menschen getroffen, die sich anders als viele jungen Menschen mit Automaten schwerer tun und  die die eine oder andere Zusatzinformation wünschen.

Ich bin sehr froh, dass die Bundesregierung insbesondere BVM Tiefensee diesem Zweiklassenspuk ein Ende gemacht hat. Die Bahn AG will sich für den Börsengang besonders schön machen und deshalb versucht Mehdorn derzeit, nicht nur Personal einzusparen und den Kundenservice zu reduzieren, sondern neben hohen Preissteigerungen auch Zusatzerlöse zu erzielen. Dabei müssen wir leider feststellen, die Gefahr ist riesengroß, dass das Kerngeschäft der Bahn, Verkehre zu organisieren und Mobilität auch in der Fläche gemäß dem im GG festgelegten Infrastrukturauftrages sicherzustellen, auf der Strecke bleibt. Die Länder können das erklärte Ziel von Herrn Mehdorn, das Ballungsraumnetz zu Lasten des Flächenangebotes zu verdichten, nicht widerstandslos hinnehmen. Zudem soll das Intercity-Netz in den nächsten Jahren massiv schrumpfen. Schon zum Fahrplanwechsel im Dezember 2008 soll das Angebot weiter ausgedünnt werden.

Das wird auch hessische Städte treffen. Die Städte Gießen, Marburg und Wetzlar befürchten, künftig nicht mehr ans Fernverkehrsnetz angebunden zu sein. Das zumindest geht explizit aus einem Gutachten der Beraterfirma KCW hervor. Auf Initiative von OB Vaupel  aus Marburg haben sich 17 Städte bundesweit zusammengeschlossen, die für ihre Anbindung an das Intercity-Netz kämpfen wollen.

Wir unterstützen ausdrücklich diese Initiative und fordern Bahnchef Mehdorn auf, von diesen Planungen Abstand zu nehmen. In der Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung, die zwischen Bahn und Bund wegen des Börsengangs vereinbart werden muss, dürfen die Interessen der Länder nicht auf der Strecke bleiben. Dort muss aus unserer Sicht neben den Leistungen, der Finanzierung, dem Netzzustandsbericht auch Fragen des Netzbestandes in der Fläche und der Bedienungsstandards geregelt werden.“