Heike Habermann (SPD) zu G8: Ablösung der überfrachteten Lehrpläne zum Schuljahr 2009 möglich

<em>Inzwischen wollen alle Parteien Korrekturen an G8. Doch eine total missglückte Reform kann man nicht mit halbherzigen Reparaturmaßnahmen retten. Man muss den Mut haben, grundlegend zu ändern, was falsch ist. Wir wollen die Verkürzung in der Mittelstufe zurücknehmen und ein Oberstufenmodell erarbeiten, das den Weg zum Abitur in zwölf oder dreizehn Jahren ermöglicht.  </em>

<em>Denn Kinder brauchen Zeit zum Lernen. Und jedes Kind hat sein individuelles Lerntempo und braucht unterschiedliche Zeit zum Lernen. Ein modernes Bildungssystem muss so gestaltet sein, dass Kinder diese Zeit haben – und zwar nicht, in dem sie sich zwischen schnellen und langsamen Bildungsgängen entscheiden, sondern in dem Schulzeit für das einzelne Kind flexibel wird, am Anfang der Schulzeit in einer Schuleingangsstufe und am Ende in einer reformierten Oberstufe.</em>

<em>Die einzige Begründung für G8 war immer, die Konkurrenzfähigkeit unseres Wirtschaftssystems und der jungen Schulabgänger in unserem Land hänge entscheidend davon ab, ob man das Abitur in zwölf oder dreizehn Jahren macht. Man müsse sich dem internationalen Standard anpassen. Diese Vorgabe ist unbewiesen und sie ist falsch, wenn der internationale Standard sich ausschließlich an der Länge der Schulzeit festmacht. Internationaler Standard sind zunächst Bildungssysteme, die ernst machen mit frühkindlicher Bildung. Es sind Bildungssysteme, in denen individuelle Förderung und die Durchlässigkeit der Bildungsgänge Garanten für Qualität, Leistung und Chancengleichheit  sind. Ein solches Bildungssystem will die SPD erreichen.</em>

<em>Mit der Verkürzung der Mittelstufe werden dagegen Qualität und Leistung beeinträchtigt, Durchlässigkeit und Chancengleichheit bleiben auf der Strecke. Sie passte zu einer Politik, die nicht zufällig, sondern bewusst den Begriff der Durchlässigkeit aus dem Schulgesetz gestrichen hat, einer Bildungspolitik, die seit 1999 auf Auslese und Abgrenzung der Bildungsgänge gegeneinander setzte. Mit G8 wird Lernen reduziert auf die kurzfristige Bewältigung des Unterrichtsstoffs. Die nächste Klassenarbeit ist der Maßstab. Lernprozesse, die Zeit für Vertiefung, für Reflexion und für die Entwicklung persönlicher Talente und Interessen lassen, kommen zu kurz. </em>

<em>Inzwischen sind sich alle Parteien hier im Hause einig, dass G8 in Hessen gründlich schief gegangen ist. Und die Geschwindigkeit, mit der der geschäftsführende Kultusminister die Positionen seiner Vorgängerin räumt, ist rekordverdächtig und lässt seine eigene Partei fast orientierungslos zurück. Wenn Herr Irmer der SPD eine Kehrtwende bei G8 vorwirft, so meint er eigentlich Herrn Banzer. Denn die Forderung nach einer sechsjährigen Mittelstufe ist bereits im Haus der Bildung nachzulesen. Vor der Wahl haben Sie so oft und so falsch aus unserem Programm zitiert, dass Ihnen anscheinend entscheidende Absätze entgangen sind.  </em>

<em>Ich gebe gerne zu, dass es auch für uns überraschend ist, wie der geschäftsführende Kutusminister als Großer Houdini ständig neue Kaninchen aus dem Hut zaubert, um G8 erträglicher zu machen. Wir warten nur darauf, dass sie sich auch wieder in Luft auflösen.</em>
<em>Den Erlass über die Begrenzung des Nachmittagsunterrichts – Frau Wolff hatte ihn noch im Januar als Lösung aller Probleme verkaufen wollen – will Herr Banzer schleunigst dorthin befördern, wo er sicherlich gut aufgehoben ist – in den Papierkorb.</em>

<em>Die Lehrpläne sollen entschlackt werden. Ich halte es hier mit dem Vorsitzenden des Hess. Philologenverbandes, der diese ‚Entschlackung’ als ‚flotte Redensart’ bezeichnet hat. Gymnasien sollen Ganztagsschulen werden – aber nicht etwa mit dem erforderlichen Lehrerzuschlag von 15 bis 20 Prozent, wie in Hessen vorgesehen. Sie sollen dafür eine bis 1,5 neue Lehrerstellen und das Modell der pädagogischen Mittagsbetreuung erhalten. </em>

<em>Und der Clou ist jetzt die Wahlfreiheit aller Gymnasien zwischen G8 und G9. So kann sich das Land nicht aus der Verantwortung für die Bildungspolitik stehlen. Ziele müssen klar definiert sein und dürfen nicht der Beliebigkeit anheim fallen. Die Wahlmöglichkeit für einzelne Schulen ist keine echte Wahl, sondern eine weitere Zersplitterung des Bildungssystems, in dem es dann auch noch ein Zwei-Klassen-Abitur gibt. </em>

<em>Die SPD-Fraktion will auch Verbesserungen  für die Schüler und Schülerinnen, die bereits jetzt unter G8 leiden – und zwar für alle. Mit unserem Vorschlag einer Kontingentstundentafel für Mittel- und Oberstufe ermöglichen wir den Schulen ab diesem Sommer, Unterrichtsstunden aus der Mittelstufe beispielsweise in das erste Halbjahr der Orientierungsstufe zu verlagern. Eine bessere Verteilung der Stundenzahl ist ad hoc möglich. </em>

<em>Zusammen mit der Einführung von Bildungsstandards ist eine Ablösung der völlig überfrachteten Lehrpläne zum Schuljahr 2009 möglich. Es ist möglich, zum gleichen Zeitpunkt die Mittelstufe wieder sechsjährig zu organisieren. Und es ist möglich, die Zeit zu nutzen, um das Kurssystem der Oberstufe so zu strukturieren, dass ein Schüler mit seiner Kurswahl auch die Zeit bis zum Abitur bestimmt. Solange die Oberstufe auch dreijährig sein kann, steht die Vereinbarung der KMK dem nicht entgegen.“</em>