Heike Habermann (SPD) fordert Bildungschancen für Kinder statt krampfhaftes Festhalten an Schulformen

Was dann folgte, erinnerte an eine Massenpanik im Ministerium und bei der hessischen CDU. Halbherzige Dementis wechselten sich ab mit glühenden Bekenntnissen zum gegliederten Schulsystem. Frau Ministerin, ich unterstelle Ihnen, dass allein pragmatische Gründe Sie zu diesem Auftrag an die Arbeitsgruppe bewogen haben und es ist bezeichnend, dass Sie noch nicht einmal den Mut haben, sich zu diesem Pragmatismus zu bekennen.
Nicht Fragen von Bildungschancen und Bildungsgerechtigkeit waren das Motiv, über neue Wege in der hessischen Schulpolitik nachzudenken. Es war allein die Erkenntnis, dass die von Ihnen propagierte Aufwertung gescheitert ist, dass sie scheitern musste, weil es nicht um den krampfhaften Erhalt von Schulformen gehen darf, sondern um die Bildungschancen der Kinder in diesem Land.

Nur noch vier Prozent der Kinder eines Schuljahrgangs werden für die Hauptschule angemeldet. Die Hauptschule wird von den Eltern nicht mehr angenommen und nicht gewünscht, weil sie um die Zukunftschancen ihrer Kinder fürchten. Auch zu Beginn des letzten Schuljahres ging die Zahl der Hauptschüler weiter um 5 Prozent zurück. Dass es Ihnen durch die Perfektionierung der Selektionsmechanismen gelingt, die Klassen spätestens ab der 7.Klasse wieder aufzufüllen, ist ein Ausdruck Ihrer rückwärtsgewandten Bildungspolitik und kein Beweis für die Notwendigkeit von Hauptschulen. Die demografische Entwicklung trägt ebenfalls ihren Teil zum Absterben der Hauptschule bei: Hauptschulzweige wurden im Zusammenhang mit §144a des Schulgesetzes geschlossen oder werden in den kommenden Schuljahren auslaufen. Die hessische Hauptschule liegt im Vergleich der Kompetenzmittelwerte bei PISA2003 E fast 200 Punkte hinter dem

Gymnasium und etwa 100 Punkte hinter Realschule und Integrierter Gesamtschule. Die Schüler und Schülerinnen der untersten Kompetenzstufe, die zur so genannten

Risikogruppe gehören, werden zum größten Teil in der Hauptschule unterrichtet. Die Behauptung, Hessen verbessere die Bildungschancen dieser jungen Menschen, kann ich angesichts dieser Ergebnisse nur als zynisch empfinden.

Junge Menschen mit Hauptschulabschluss finden angesichts fehlender Ausbildungsstellen und gewachsener Anforderungen der Wirtschaft an die Qualifikation immer häufiger keinen Ausbildungsplatz, etwa 60 Prozent landen nach dem Hauptschulabschluss in Warteschleifen oder versuchen, über die Angebote der beruflichen Schulen eine Realschulabschluss zu erreichen. Wer sich angesichts dieser Entwicklung auf die Position zurückzieht, die Hauptschule müsse nur attraktiver werden, verharrt  in der bildungspolitischen Steinzeit. Deshalb war es folgerichtig, nach pragmatischen Lösungen zu suchen. Es ist nur schade, dass die ideologischen Barrieren innerhalb der hessischen CDU  selbst solche halbherzigen Reformschritte verhindern, die zumindest in die richtige Richtung gehen. Sie haben sich zwar Mühe gegeben, wie das Orakel von Delphi über die Gliedrigkeit von Schulsystemen zu sprechen und vieles im Dunkeln zu lassen. Eins aber ist angekommen: Selbst wenn die Hessische Kultusministerin das Projekt Zusammenlegung von Haupt- und Realschule aus pragmatischen Erwägungen angehen wollte, müsste sie sich zunächst mit der eigenen Partei anlegen: Für Ihren bildungspolitischen Sprecher und Ihren Fraktionsvorsitzenden stünde der Untergag der hessischen Bildungslandschaft fest, wenn Sie eine der drei Schubladen zumachen würden. Und die Schülerunion fordert gar die Umwandlung der Integrierten Gesamtschulen und bezeichnet ein Schulsystem mit einer zusammengelegten Haupt- und Realschule als „Einheitsschule light". 

Sie dementieren die Konzepte Ihrer eigenen Fachleute, weil Sie lieber die Konfrontation mit der SPD suchen als die mit der eigenen Partei.  Dieser Konfrontation  sehen wir gelassen entgegen. Wir haben ein Konzept für eine Schulpolitik entwickelt, in dem das einzelne Kind in den Mittelpunkt stellt. Wir diskutieren nicht über Systeme sondern über das Ausschöpfen von Begabungen. Tabus darf und wird es in dieser Diskussion nicht geben. Die hessische CDU dagegen hat unter Ihrer bildungspolitischen Verantwortung die gesellschaftliche Entwicklung längst verschlafen. Aufgabe der Politik ist es, gleiche Chancen beim Zugang zu Bildung zu gewährleisten und kein Kind auf dem Bildungsweg  zurückzulassen – diese Formulierung ist so gut und richtig, dass wir sie in unseren eigenen Entschließungsantrag übernommen haben. Aber bei Ihnen sind es Lippenbekenntnisse, denn Sie beharren gleichzeitig darauf, dass man die Vielfalt von Begabungen in drei Schubladen hineinzwängen kann. Sie beharren darauf, Kindern mit völlig unterschiedlichen Entwicklungswegen und Ausgangsvoraussetzungen im Alter von 10 Jahren den Bildungsweg vorzugeben und ihn damit für viel zu viele von ihnen zu verbauen.

Es ist nicht unsere Aufgabe, ein System unter Artenschutz zu stellen, das der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung längst nicht mehr entspricht.

Die Diskussion um die Gesamtschulen wird inzwischen an vielen Stellen geführt, bei den Eltern, in den Schulen, in der Wirtschaft und auch innerhalb der CDU. Nur die hessische CDU sitzt mit Schaum vor dem Mund im gesellschaftlichen Abseits und verteidigt Schulformen statt sich für die Bildungschancen von Kindern einzusetzen. Wir reden deshalb auch nicht davon, die Hauptschule zu stärken, wir wollen stattdessen die Schüler und Schülerinnen stärken. Und wir sind überzeugt, dass es eines neuen Hauses der Bildung bedarf, um mit der Förderung von Begabungen ernst zu machen. Wir brauchen eine Stärkung der frühen Bildung, wir brauchen Ganztagsschulen und wir brauchen auch größtmögliche Spielräume für die Schulen, ihre Lernziele eigenverantwortlich zu erreichen. Aber wir brauchen auch eine Diskussion um die Verfasstheit unseres Schulsystems, denn pädagogische Spielräume werden auch durch Strukturen beeinflusst.

Mich hat ein Zitat Ihrer Presserklärung vom 2.3.07 besonders betroffen und wütend gemacht.  „Die Abschaffung der Hauptschule wäre die Fortsetzung der ideologisch

begründeten Verachtung praktischer Begabungen.“ Mit dieser Aussage bewegen Sie sich auf dem bildungstheoretischen  Niveau der Feuerzangenbowle. Sie bedienen Klischees wie die des hoch qualifizierten Wissenschaftlers, der zu Hause keine Glühbirne auswechseln kann oder das des braven Handwerkers, der geistige Auseinandersetzungen scheut.
Begabungen sind so vielfältig wie die Menschen selbst. Wer versucht, sie auf drei Schulformen zu reduzieren, vergibt leichtfertig das Potential von jungen Menschen. Und  Sie haben damit auch keine adäquate Antwort auf die Anforderungen der Zukunft. Nehmen Sie doch endlich zur Kenntnis, welche Anforderungen heute in der Ausbildung an die jungen Menschen gestellt werden. Jeder Auszubildende muss heute zunehmend  komplexen Anforderungen genügen. Problemlösungskompetenz, profunde Kenntnisse über Produktionsabläufe und Fähigkeiten im Umgang mit moderner Technologie gehören dazu. Deshalb funktioniert die Einteilung in praktisch und theoretisch Begabte längst nicht mehr und entspricht auch nicht einer Bildungspolitik, die auf Vielfalt der Begabungen setzt.

Deshalb bleibt auch Ihre einzige Antwort ein Ausbau der Schub-Klassen. Dieses Modell, das vom Europäischen Sozialfonds gefördert wird, um benachteiligte Jugendliche zu fördern, ist aber nicht der Königsweg für die Hauptschule. Wir haben immer deutlich gemacht, dass wir das Programm akzeptieren für diejenigen Jugendlichen, die jetzt im System stecken. Es ist aber keine Perspektive für ein modernes Bildungssystem, das auf höhere Qualifikationen für mehr Schülerinnen und Schüler setzt. Gesellschaftspolitisch verschlafen hat die Hessische Kultusministerin auch die Entwicklung der Ganztagsschule. Wenn der Ministerpräsident am Samstag die Vision äußert, er sehe alle Schulen bis 2015 als Ganztagsschulen arbeiten, kann das nur der Ahnung geschuldet sein, dass seine Regierung im kommenden Jahr beendet wird. Mit dem derzeitigen Tempo von 60  Schulen pro Jahr brauchen Sie nämlich bei 1870 allgemein bildenden Schulen in Hessen mindesten weitere 25 Jahre, um für alle eine pädagogische Mittagsbetreuung zu finanzieren. Von einer Entwicklung zur Ganztagsschule mit rhythmisiertem Ablauf und Zeit für individuelle Förderung sind wir noch sehr viel weiter entfernt, da das Ganztagsprogramm dieser Landesregierung eine Weiterentwicklung der Angebote verbietet. Auch dieses Beispiel macht deutlich: Sie bauen Luftschlösser und handeln nicht. Sie halten Monologe und bezeichnen das als Dialog. Sie sprechen von Eigenverantwortung der Schulen und nehmen ihre Verantwortung selbst nicht wahr. Sie sprechen von individueller Förderung und zerstören durch ein unflexibles und undurchlässiges Schulsystem Bildungsperspektiven von Kindern und Zukunftschancen dieses Landes. Sie reden vom Bildungsland Nr.1 und haben Hessen zum aussichtsreichen Anwärter auf die rote Laterne in der Länder-Bildungsliga gemacht.“