Thomas Spies (SPD): Hessen beim Thema Technologie und Innovation am Tabellenende

Überflöge der unbefangene Betrachter den Entschließungsantrag der CDU-Fraktion, so fällt zunächst das Exemplarische, ja Anekdotische der Aufzählung auf. Wie uns Wikipedia aufklärt, werden Anekdoten oft fälschlich als Belege für vermeintliche Zusammenhänge verwendet, führen jedoch notwendig zu einem verzerrten Bild der Realität und stellen eine unzulässige Datenselektion dar. Wie wahr! Durch die Aneignung und Fehldeutung einzelner, überaus beachtlicher Leistungen anderer soll mit der Aufzählung der Kompetenzzentren eine Kompetenz der Landesregierung suggeriert werden, die bar jeden Wirklichkeitsbezuges ist:

Nano-Netzwerk, Galileo,  Frankfurt Innovationszentrum Biotechnologie: Warum zählen Sie uns einige wenige Symbole auf? Wovon wollen Sie ablenken Mit Ihrer symbolischen Politik? Denn um Symbole, die uns in der irrigen Vermutung wiegen sollen, die Landesregierung würde Relevantes tun für die wirtschaftliche Nutzung hessischer Innovationen.

Was sind denn die Fakten beim Thema Innovationsland Hessen und die Landesregierung?
Fangen wir bei den Hochschulen im Vergleich der Bundesländer an: Ausgaben je Studierendem: Hessen letzter Platz; Ausgaben je Absolvent: Hessen vorletzter Platz; BIP-bezogene Ausgaben für Forschung: Hessen vorletzter Platz. Das sind die Fakten zu dieser Landesregierung.

Potentielle Patente werden von Hochschulen in Hessen immer noch nicht beansprucht, und das trotz eines aufwendigen Bundesprogrammes unter rot-grün. Im Gegenteil: trotz aller Unterstützung, trotz Gino und TransMit, die alle ohne diese Landesregierung entstanden sind, liegt die Patentquote der hessischen Hochschulen spürbar unter dem Bundesdurchschnitt.

Diese Landesregierung hat kein Konzept für Technologietransfer, und sie tut auch nichts dafür. Sie gibt kein Geld, sie denkt keine Struktur, und sie trägt nichts bei. Es ist doch eine Ohrfeige ins Gesicht der Landesregierung, auf wie wenig Resonanz Ihr Plan vom Medizintechnologiecluster Mittelhessen stößt. Und woran liegt das? Wie die Hessenagentur nun selbst gezeigt hat, ist den Unternehmen die Nähe zu den Hochschulen gar nicht so wichtig. Haben diese Unternehmen da was nicht begriffen? Oder heben Sie die Erfahrung gemacht, dass es in Hessen keine vernünftige Struktur gibt, die zwischen Hochschule und Wirtschaft vermittelt, weil diese Landesregierung kein Konzept von Wissenstransfer hat? Statt der selbst schmückenden Aufzählung fremder Federn und unter Unterschlagung früherer Jubelprojekte, wären Sie im Dienste des Landes gut beraten, sich endlich einer Problemanalyse zu stellen.

Denn schon der erste Blick zeigt, es ist der Mittelstand, der nicht selbst in Forschung und Entwicklung investiert. Weil es riskant ist, und weil der Aufbau eigener Infrastruktur viel zu aufwendig wäre. Was Hessen endlich braucht, ist eine stringente Innovationsstrategie, die durch geeignete Personen den Transfer von Erkenntnissen aus der Hochschule in die Wirtschaft und umgekehrt überhaupt erst möglich macht.

Was also braucht der Vermittler? Wissenschaftliche Ausbildung und Industrieerfahrung sind erforderlich, damit beide Seiten sich verstanden fühlen. Solche Leute sind teuer, und man braucht eine ganze Menge davon, die an den Hochschulen Verwertbares entdecken und es der Wirtschaft darstellen können. Das muss man sich dann erstmal was kosten lassen, aber auch dazu ist diese Landesregierung nicht bereit.

Die Umwandlung von öffentlich finanziertem Wissen in ökonomisch interessante Ideen muss sich auch für die Hochschulen rechnen, und also bedarf einer dringenden Verbesserung der Patentierungsstrukturen. Gute Wissenschaftler sind nicht zwingend auch gute Unternehmer, deshalb muss man beide erfolgreich zusammenbringen, deshalb bedarf es sehr viel mehr Struktur als eines Inkubatorgebäudes. In Wisconsin macht man das so. Schon lange. Und was kommt dabei heraus: Allein die Erträge der University of Wisconsin, Standort Madison, nicht größer als die Uni Frankfurt, nimmt mit ihren Patentrechten und nach Abzug der Anteile für Erfinder und Fachbereich immer noch so viel Geld ein, wie eine ganze hessische Universität kostet.

Das ist viel Geld für die Hochschulen und die Unternehmen. Weil Transfer und Innovation schnell, effizient und an den Interessen wie den Eigenheiten der Beteiligten orientiert ist. Weil es eine Struktur gibt, nicht symbolische Aufzählungen. Weil man investiert hat. Weil man es Ernst meint mit Innovation und Fortschritt. Dann, muss man keine Einzelbeispiele mehr aufzählen. Dann kann man Erfolge berichten, gebührenfrei.“