Quanz: Schluss mit rückwärtsgewandter Bildungspolitik

"Seit vergangener Woche verbindet man mit dem Namen PISA nicht nur die italienische Stadt mit ihrem berühmten schiefen Turm. Seit letzter Woche steht PISA als ein Synonym für die Schieflage des deutschen Bildungssystems. Dagegen ist offensichtlich der schiefe Turm im Vergleich ein Beweis für gelungene Statik.

Der "Spiegel" lieferte die Schlagzeile "mangelhaft, setzen". Nein, sage ich, nicht setzen ist angesagt, sondern sich rühren, sich bewegen. Endlich verändern, endlich richtige Reformprozesse einleiten. Es darf diesmal nicht passieren, dass die "Vier-Schritte-Politik" sich durchsetzt, nämlich: "gelesen, aufgeregt, abgeheftet und vergessen". PISA muss endlich dazu führen, drängende Reformen einzuleiten, die andere Länder offensichtlich mit großem Erfolg angegangen sind. PISA heißt von den Siegerländern lernen, heißt die richtigen Lehren aus der diagnostizierten Misere zu ziehen.

Ich bin gegen Schnellschüsse. Und ich bin ganz gewiss dagegen, dass in Hessen durch eine rückwärtsgewandte und ideologisch verklärte Politik die Defizite noch vertieft werden.

Lassen Sie mich auf wenige wesentliche Ergebnisse der Studie eingehen:

·Nirgendwo sonst in den beteiligten Ländern bestimmen soziale Herkunft und Milieu so über den schulischen Lernerfolg wie in Deutschland. Zitat :"Unser Schulsystem produziert nicht nur schwache Leistungen, es ist auch ungerechter als jedes andere: Nirgendwo haben es Schüler aus unteren sozialen Schichten so schwer, ihre geistigen Fähigkeiten zu entfalten wie in der Bundesrepublik", schreibt Martin Spiewak in der "Zeit"
·Nirgendwo sonst, bis auf Ausnahme von Österreich und Griechenland, werden Kinder so früh in unterschiedliche Schulformen sortiert.
·Nirgendwo sonst wird so konsequent Auslese betrieben, wird das Sortieren so perfektioniert wie in Deutschland. Offensichtlich mit keinem Erfolg, weder für eine breite Spitzenförderung noch für die Leistungsschwächeren, die zu den absoluten Verlierern im internationalen Vergleich gehören.

Wer den Anspruch von sozialer Gerechtigkeit erhebt, wer von Gerechtigkeit der Bildungschancen spricht, der darf nicht die Axt anlegen an die Durchlässigkeit der Bildungsgänge. Genau dies aber ist das Markenzeichen Ihrer verfehlten Schulpolitik, gerade im Lichte der Studie PISA betrachtet.

Wir sind als Staat und Gesellschaft angewiesen, dass alle Schülerinnen und Schüler eine bessere Förderung erhalten, angewiesen, dass wir alle früher fördern. Wir sind gehalten, dass wir Begabung als dynamische Entfaltung begreifen und dass der Bildungsweg nicht bereits in der Grundschule determiniert wird.

Wer die Defizite sozialer Milieus auffangen will, wer anregende Lernmilieus bereitstellen will, muss den Mut haben, gerade für Ganztagsschule und ganztägliche Angebote einzutreten. Und da geht es auch um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, aber es geht ganz besonders um die pädagogische Weiterentwicklung unserer Schulen, es geht um zusätzliche Qualität von Bildung!

Frau Ministerin, hier ist gerade nicht der Mut zur Ignoranz der internationalen Ergebnisse gefragt. Wir brauchen den Mut zu Reformen, die unser Schulsystem endlich leistungsfähiger machen.

Nirgendwo sonst sind die Leistungsunterschiede zwischen besonders leistungsstarken und besonders leistungsschwachen Schülern größer als in Deutschland. Dabei ist in den erfolgreichen Ländern die Spitze der leistungsstarken Schüler deutlich breiter und die Leistungsunterschiede sind deutlich geringer. Was tut an dieser Stelle die aktuelle hessische Schulpolitik? Da sind 20 Mio. DM für Schloss Hansenberg vorgesehen für 240 Schüler. Das ist Klientelpolitik! Politik als Symbolik. Politik jedenfalls nicht als ein Programm für Begabtenförderung.

Begabtenförderung muss in der Grundschule, muss in der Sekundarstufe I stattfinden. Dafür sind in ihrem Haushalt keine besonderen Mittel vorgesehen. Frühförderung aller Kinder ist das Gebot aus PISA , aber nicht die kleine elitäre Auslese von sogenannten Leistungsstarken, wobei offensichtlich die Leistungsstärke des Geldbeutels und der Ehrgeiz der Eltern noch wichtiger sein werden als die intellektuelle Begabung der einzelnen Schülerinnen und Schüler.

Wir brauchen am unteren Ende der Leistungsskala besondere Programme und Anstrengungen für lernschwächere Schüler. Wir brauchen mehr Zeit für die Kompensation milieubedingter Defizite. Wir brauchen mehr Zeit für Maßnahmen der Integration. Es ist großes Bemühen um eine Reform der Lehr- und Lernkultur angesagt, es sind mutige Schritte zu einer Reform der Lehrerbildung notwendig. Und endlich der Mut, Schulen mehr Freiheit , mehr Selbstverantwortung zu geben und gleichzeitig die Instrumente der Qualitätssicherung zu stimmen und geeignete Maßnahmen der Evaluierung in Kraft zu setzen. Bei all dem stellen wir fest: Fehlanzeige bei dieser Regierung."