Quanz: „Die hessischen Schulen brauchen eine Qualitätsoffensive. Eine nur quantitative Betrachtung ist zu wenig.“

Situation zu Beginn des neuen Schuljahres

Zwar rechne die SPD-Opposition im Hessischen Landtag mit einer insgesamt etwas verbesserten Statistik in der Unterrichtssituation zu Beginn des Schuljahres 2001/2, bilanzierte Quanz. Trotzdem könne die Regierung weder die im Haushalt ausgewiesenen zusätzlichen 600 Stellen neu besetzen, noch alle durch Pensionierung frei gewordenen Stellen. Wahrscheinlich werden etwa 1/3 von insgesamt rd. 1000 Stellen zum Schuljahresbeginn nicht besetzt sein.

"Wir begrüßen das Bemühen der Kultusministerin zusätzliche Stellen für unsere Schulen bereit zu stellen. Gleichwohl müssen wir der Erfolgspropaganda der Regierung die nüchterne schulische Realität entgegen halten", erläuterte Quanz die konkrete Situation.

So sei weiterhin von einem nicht akzeptablen Unterrichtsausfall in den Beruflichen Schulen auszugehen. In den Schulen der Sekundarstufe fehlten zunehmend in bestimmten Fächern die Lehrer. Außerdem manipuliere und schöne die Regierung erneut die Statistik der Unterrichtsabdeckung, indem der Unterrichtseinsatz der Referendare mit zusätzlichen Stunden verbucht werde. Von dem eigenen Wahl-versprechen einer "Unterrichtsgarantie" und den damit versprochenen 4000 zusätzlichen Stellen sei Roland Koch mit seiner Landesregierung weit entfernt.

Die Schwerpunktsetzung allein auf quantitative Größen bringt massive Qualitätsverschlechterungen mit sich.

Als Beleg für diese Aussage führte Quanz die Anweisung des Kultusministeriums an, die Klassenhöchstgrenzen voll auszuschöpfen. "Eine hohe Unterrichtsabdeckung will man damit erreichen, dass man die durchschnittlichen Klassengrößen nach oben fährt und immer mehr größere Klassen gebildet werden müssen. Ich halte es für pädagogisch kontraproduktiv und für die Qualität des Lernerfolgs abträglich, wenn
z. B. Klassen an Grund- und Hauptschulen mit bis zu 28 und an Förderstufen mit bis zu 30 Schülerinnen und Schülern gebildet werden müssen", kritisierte Quanz.

Weiterhin hat die Ministerin den Schwerpunkt der Tätigkeit der Referendarinnen und Referendare stark von der Ausbildung hin zu eigenverantwortlichem Unterricht verlagert. "Die Qualität der Ausbildung aber entscheidet wesentlich darüber, wie professionell, wie schülergemäß und didaktisch erfolgreich unsere Lehrerinnen und Lehrer in ihrem Beruf nach der Seminarphase arbeiten", argumentierte Quanz. Außerdem habe die aktuelle Stellensituation dazu geführt, dass zahlreiche Lehrerinnen und Lehrer in den Schuldienst eingestellt wurden, die jahrelang eine andere Beschäftigung ausübten. "Im Interesse eines guten Unterrichts, aber ganz besonders auch im Interesse dieser Kolleginnen und Kollegen, bedarf es dringend berufsbegleitender Unterstützung durch die Lehrerfortbildung und Beratung der Staatlichen Schulämter. Diese beiden Unterstützungssysteme werden jedoch personell von dieser Regierung ausgeblutet und können wesentliche Aufgaben zur Verbesserung des Gesamtsystems Schule nicht mehr hinreichend erfüllen", begründete Quanz seine Kritik.

CDU – Schulpolitik verbaut Bildungschancen

Obwohl die Zahlen aus dem OECD-Bildungsbericht vom Juni dieses Jahres Anlass genug waren, die Alarmglocken bei all denjenigen läuten zu lassen, die in Deutschland in der Bildungspolitik Verantwortung tragen, sind ganz offenbar die konservativen Bildungsideologen, die auch in Hessen im Moment die Richtung bestimmen, blind und taub gegenüber objektiven Daten und Fakten.

In Deutschland zeichnet sich offenkundig ein Akademikermangel ab, der in den nächsten Jahren noch deutlich zunehmen wird. Im Bereich der Ingenieur- und Naturwissenschaften ist der Mangel an Nachwuchskräften schon jetzt klar ersichtlich. Gleiches gilt für bestimmte Lehramtsstudiengänge. Die Zahl deutscher Studienanfänger stagniert bei 28 %. Deutschland gehört zu den wenigen Ländern, in denen die Quote der Studienanfänger seit Jahren nicht angestiegen ist. Nur gerade 16 % eines Jahrgangs schließen ein Hochschulstudium erfolgreich ab. Der Durchschnitt in den OECD-Ländern liegt bei 45 %, in skandinavischen Ländern sogar bei über 50% !
Unsere Schulen und Hochschulen müssten sich also herausgefordert sehen, zusätzliche Bildungs- und Begabungsreserven zu erschließen, um die beruflichen Zukunftschancen unserer Kinder und Jugendlichen zu verbessern und die wirt-schaftliche und soziale Entwicklung unseres Landes zukunftssicher voran zu bringen.

Die bildungspolitischen Ziele und Konzepte der Landesregierung laufen dieser Notwendigkeit entgegen.

Anstatt alle Anstrengungen darauf zu richten,
· dass in allen Schulformen und auf allen Ebenen die erfolgreichen Abschlüsse verbessert werden,
· dass immer mehr Schülerinnen und Schüler höherwertige Abschlüsse erzielen,
· dass immer mehr Schülerinnen und Schüler die Studierfähigkeit und/oder die Berufsreife erlangen,
setzt die Kultusministerin auf mehr Auslese, feiert die steigenden Zahlen von Sitzenbleibern und Hauptschülern als Erfolge ihrer Politik.

Dabei ist längst wissenschaftlich belegt, dass eine Steigerung der Bildungs-beteiligung, eine Erhöhung von qualifizierten Abschlüssen für eine höhere Anzahl eines Jahrgangs keineswegs mit sinkendem Bildungsniveau erkauft werden muss. "Eine gesteigerte Bildungsbeteiligung und Qualitätssteigerung sind vereinbar, wenn das Bildungs-system dafür ausgestattet wird "(Prof. Dr. Klaus Klemm).

"Wir brauchen in Hessen und in Deutschland mehr Bildungsbeteiligung. Unser Schulsystem muss für mehr Chancengleichheit sorgen und die Begabungsvielfalt anerkennen. Wir müssen für mehr Durchlässigkeit zwischen den Schulformen sorgen, statt weiterführende Bildungsgänge abzuschotten und Schulformen durch nicht koordinierte Lehrpläne und unterschiedliche Stundentafeln voneinander zu trennen. Wir müssen unterschiedliche Begabungen und Fähigkeiten gleichwertig fördern, wir brauchen zusätzliche Förderangebote sowohl für stärkere, als auch für schwächere Schülerinnen und Schüler.
Wir können nicht damit zufrieden sein, dass nur 12 % der Arbeiterkinder an eine Hochschule gelangen. Da bleibt es politische Aufgabe, soziale Bildungs-barrieren abzubauen und Kinder aus bildungsferneren Schichten gezielt zu fördern. Wir dürfen nicht zulassen, dass rd. 10% eines Jahrgangs die Schulen ohne Abschluss verlassen, dass rd. 15 % der Jugendlichen bis 25 Jahre ohne berufliche Qualifikation bleiben und damit in einer immer anspruchsvolleren Berufswelt kaum eine Chance haben ihre wirtschaftliche Existenz selbstverantwortlich zu begründen. Und wir können am oberen Ende der schulischen Leistungs- und Abschlussskala nicht tatenlos hinnehmen, dass in nahezu allen anderen Ländern deutlich mehr Jugendliche höher qualifizierende Abschlüsse erzielen, Hochschulen besuchen und erfolgreich abschließen", forderte Quanz in seiner Kritik an aktuellen Positionen der hessischen Schulpolitik.

Konsequente Reformen zur Qualitätssteigerung unserer Schulen

Um den zusätzlichen Anforderungen an unseren Schulen gerecht zu werden, um die aufgezeigten Defizite politisch engagiert anzugehen, seien neue Konzepte und grundlegende Reformen notwendig, verlangte Quanz.

Wir brauchen mehr und gut ausgestattete Ganztagsangebote in allen Schulformen!
Weil wir
– die Qualität schulischer Leistungen verbessern wollen,
– mehr Zeit zum Lernen, Erziehen und Bilden brauchen,
– zusätzliche Angebote für alle Schülerinnen und Schüler machen wollen,
– neue Lernfelder erschließen und neue Lernmethoden anwenden wollen,
– den kompetenten Umgang mit den Neuen Medien für alle Schüler ermöglichen wollen.
Weil wir mit den Ganztagsangeboten angemessen reagieren auf veränderte Kindheit,
auf veränderte familiäre Strukturen, auf neue und zusätzliche Ansprüche in einer sich rasant verändernden gesellschaftlichen Umwelt.
Quanz: "Weil wir mit der Schule von heute unsere Kinder auf die Welt von morgen vorbereiten müssen."

Wir brauchen dringend eine Reform der Lehrerbildung

Seit einigen Jahren liege diese Forderung als vorrangig zu lösende Aufgabe – auch als Vorgabe der Kultusministerkonferenz – auf dem Tisch. Offensichtlich sei die Kultusministerin nicht in der Lage oder nicht willens, sich dieser Problematik anzunehmen.
"Wer die Qualität von Unterricht und Erziehung verbessern und weiter entwickeln will, muss zuerst für eine Reform der Lehreraus- und -fortbildung sorgen. Zu offensichtlich sind die Mängel im bisherigen System. Darüber herrscht weitgehend Einigkeit in der wissenschaftlichen Analyse und Begleitforschung. Positive Schulentwicklung bedeutet damit zunächst verbesserte Professionalität des Lehrpersonals, bessere Vorbereitung auf den Arbeitsplatz Schule, verbesserte soziale und didaktisch-methodische Kompetenzen. Dies verlangt Konsequenzen für alle Phasen der Lehrerbildung, dies bedingt neue Kooperationsformen zwischen den einzelnen Stätten der Lehreraus- und -fortbildung", verlangte Quanz. Auf der politischen Tagesordnung der derzeitigen Regierung fehle dieses zentrale Thema bedauerlicherweise völlig, weil die qualitative Entwicklung unserer Schulen offenkundig noch nicht einmal eine Nebenrolle im Konzept von Ministerin Wolff spiele. In einer Presseinformation vom 28. Juni 2001 fragen daher die "Jungen Liberalen Hessens": "Was macht eigentlich die hessische Kultusministerin Wolff (CDU) den lieben langen Tag?" Und etwas später im Text fordert ihr Vorsitzender Rentsch: "Es sei höchste Zeit, dass der Ministerpräsident eingreife und im Kultusministerium etwas Dampf auf den Zylinder kommt…"

Quanz kommentierte dazu abschließend: "Selten fühlte ich mich in der Kritik an der hessischen Schulpolitik den "Julis" so verbunden wie in diesen Formulierungen. Allerdings: Dampf auf den Zylinder macht nur dann Sinn, wenn die Richtung stimmt, in die der Zug fährt. Leider stimmt bei dieser Regierung und bei dieser Ministerin die Richtung nicht!"